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Marc Chagall: «Innere Ruhe braucht es zum Arbeiten»

01.01.2016
Vor 125 Jahren wurde der Maler Marc Chagall geboren. Mit seiner poetischen Bild­sprache und seinen intensiven Farben hielt er immer wieder biblische Motive auf seinen Bildern fest. In seinen Werken schlug er eine Brücke zwischen Juden- und Christentum. So auch im Jakobsfenster im Zürcher Fraumünster

Chagall selbst, der bei seiner Arbeit an den Fraumünsterfenstern unglaublich schnell und kraftvoll drauflosmalte, tat es aus dieser inneren Ruhe heraus. Von Ruhe und der daraus entstehenden Bewegung erzählt auch das zweite, dunkelblaue Fenster. Jakob, der träumt, ist da zu sehen, und Jakob, der mit dem Engel ringt. Beide Szenen kennen wir aus der Bibel. Aber entspricht Chagalls Jakob unseren gewohnten Vorstellungen? Eines ist sofort ersichtlich: Jakob kämpft nicht mehr, Jakob ist von seinem Engel angenommen. Hingegeben ruht er an der Brust des Engels, und der Engel, jünglingshaft und weiblich zugleich, schützt ihn und gibt ihm Halt. Eine liebevolle Umarmung verbindet beide.

Ruhe und innere Wachsamkeit
Jakob und sein Engel sind von der Farbe Ultramarin umgeben. Dieses tiefe Blau erinnert an den Himmel beim Eindunkeln, an die Stunde, wo die Tagessorgen verblassen und das Geheimnis der Nacht anklingt. Diesen Übergang beschreibt der Dichter Novalis in seinen Hymnen an die Nacht. Er sagt da, die Nacht wecke eine tiefe Wehmut in seiner Seele. Doch dann spürt er, wie die «schweren Flügel des Gemüts» emporgehoben werden, und wie die geheimnisvolle Nacht unendliche Augen in ihm öffnet. Augen, die weiter sehen als die blässesten Sterne. «Unbedürftig des Lichts durchschaun sie die Tiefen eines liebenden Gemüts.»

Befruchtender Segen
Auch Jakob hat sich dem Nachtgeschehen geöffnet. Mit geschlossenen Augen schaut er nach innen. Von dort ist sein Engel aufgetaucht. Und Jakob musste eine ganze Nacht lang mit ihm kämpfen. Bei diesem zähen Ringen verrenkte er seine Hüfte. Dabei gewann er aber auch seinen ureigenen Namen und den Segen des Engels. Chagall hat über die Hüfte Jakobs eine Zone von Silbergelb gelegt. Mit dieser Farbe drückt er das Ewige, das Göttliche aus.
Was auf Bildern das Gold leistet, ist in der Glasmalerei die Aufgabe des Silbergelbes. An der verwundeten Stelle lässt der Künstler das Göttliche aufleuchten: den Segen, die Erleuchtung, die Befruchtung.

Neue Sicht
Geborgen in den Armen des Engels, beginnt Jakob neu zu sehen. Erde und Himmel sind nicht länger getrennt. Eine Leiter verbindet sie. Engel steigen an dieser Leiter auf und nieder. Engel beflügeln nun Jakobs Wahrnehmung. Er träumt von der tiefsten Liebe, die auf der weiten Erde und im unendlichen Himmel zu finden ist. Er träumt von dem, auf den hin alle Fenster ausgerichtet sind, von dem, der uns im mittleren Fenster begegnen wird: vom auferstandenen Christus.


Die Pfarrerin Madeleine Peter wohnt in Thayingen. Sie ist Moderatorin beim Schaffhauser Fernsehen «Gedanke am Wuchenänd»


Nachdem ein Wettbewerb mit Schweizer Künstlern gescheitert war, fragte der Fraumünsterpfarrer Peter Vogelsanger 1967 Marc Chagall für die Gestaltung der Glasfenster an. Über­raschend sagte er zu.
Aus Anlass des 125. Geburtstages von Marc Chagall schreiben Autoren über die Kirchenfenster im Zürcher Fraumünster.

Madeleine Peter


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