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Johann Caspar Lavater: Ein Zürcher Pfarrer als europäisches Idol

01.01.2016
Theologe, Philosoph, Schriftsteller Johann Caspar Lavater prägte das Zürich des 18. Jahrhunderts. Lavaters ehemalige Kirchgemeinde und eine Forschungsstiftung wollen ihn nun einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machen.

Davon können heute viele Kirchen nur träumen: Wenn er predigte, war die Kirche St. Peter in Zürich überfüllt. Die Rede ist von Johann Caspar Lavater. 1779 musste die Zürcher Bevölkerung angehalten werden, sich im Kirchenbesuch zu mässigen, da viele Gemeindemitglieder wegen der vielen Besucher selbst keinen Platz mehr in der Kirche fanden. Den meisten Menschen dürfte Lavater heute als Erfinder der Physiognomik bekannt sein.
«Nur der Satan will kriechende, genusslose Märtyrer. Religion ist ein geistiger Genuss unsichtbarer und ewiger Dinge», so Lavater. Mit seiner Aufmüpfigkeit, Toleranz und Lustbetontheit war er die Antithese zu Zwingli und Calvin. Von seinen wortgewaltigen Predigten vernahm man bis nach Norddeutschland, wo er in Bremen anlässlich eines Besuches frenetisch bejubelt wurde. Seinen Ruf verdankte er nicht nur seinen wortgewaltigen Predigten, sondern auch seinen Schriften, die damals in ganz Europa begeistert gelesen wurden.

Idol des 18. Jahrhunderts
Mit einer Ausstellung im Lavaterhaus in Zürich und mit Veranstaltungen machen nun die Kirchgemeinde St. Peter und die Forschungsstiftung Johann Caspar Lavater aufmerksam auf den Zürcher, der eine der prägenden Gestalten seiner Zeit war. Ueli Greminger, heute Pfarrer an Lavaters Arbeitsstätte, hat diesem, der im 18. Jahrhundert für viele Menschen ein Idol war, jetzt in Buchform ein Denkmal gesetzt.
Lavaters «Geheimes Tagebuch» war damals ein Bestseller. Hinzu kamen seine vielen Freundschaften und Briefwechsel mit Gelehrten, darunter Pestalozzi, Goethe und Rousseau. Goethe unterstützte ihn bei der He-rausgabe seiner vierbändigen «Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und der Menschenliebe». Lavater hatte dazu ein riesiges Bildarchiv angelegt, darunter Silhouetten von Menschen, ja selbst von Tieren. Im Zeitalter der Aufklärung und der Vernunft suchte der Menschenfreund nach der Universalsprache der Natur, die er über Gesichtszüge, die er als «Buchstaben des göttlichen Alphabets» verstand, zu ergründen versuchte. Er glaubte an das göttliche im Menschen und versuchte dieses im Äusseren zu erkennen.

Erfolgreicher Physiognomiker
Damit traf er den Nerv der Menschen und versprach, eine alte Sehnsucht der Menschheit zu stillen: Woran erkenne ich mein Gegenüber? Lavaters Physiognomik war so erfolgreich, dass es Mode wurde, in Gesellschaft Schattenrisse von Gästen zu zeichnen und diese zu deuten. Später missbrauchten die Nazis seine Grundsätze zur Physiognomik für ihre Zwecke, die Lehre wurde später verdammt. Interessanterweise boomt die Physiognomik heute wieder nicht nur in Esoterikkreisen. In einer Zeit, in welcher biologistische Fragen wieder gestellt werden dürfen, interessiert sich heute auch wieder die Wissenschaft dafür, wie weit sich das Innenleben vom Äusseren eines Menschen ablesen lässt. Einer davon ist Klaus Eisenblätter, der die Ausstellung zeitgleich mit mir eine Führung im Lavaterhaus besucht. Er bietet heute Profiling-Dienste für Führungskräfte an. Seine von ihm entwickelte soziogenetische Analyse basiert auf dem Grundsatz, dass jede Form eine Funktion hat auch am Menschen. Von der Physiognomik Lavaters und seinen Nachgängern distanziert er sich. Das Thema gibt in der Gruppe der Ausstellungsbesucher zu reden und zeigt, wie aktuell dieses immer noch ist.
Für Ursula Caflisch-Schnetzler, Kuratorin der Ausstellung und Mitherausgeberin der neuen historisch-kritischen Lavater-Ausgabe der Forschungsstiftung, ist die Physiognomik nur ein Teilbereich von Lavaters Wirken. Ihr geht es vor allem darum, dass sein Werk zugänglich gemacht wird und die Besucher eine Ahnung von Zürich als geistigem Zentrums im Europa des 18. Jahrhundert erhalten.

Philippe Welti


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