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Der Mutmacher

01.01.2016
Während zwanzig Jahren ge­staltete Pfarrer Jörg Gutzwiller im Bundeshaus die Besin­nungen, die von Bundes­räten und Parlamentariern besucht wurden. Gutzwiller will den Menschen Mut machen.

Er habe oft glückliche Fügungen erlebt, erklärt Jörg Gutzwiller, wenn er auf sein Leben zurückblickt. Er sei in einer spannenden Zeit geboren, habe eine «fabelhafte Ausbildung» an der Theologischen Fakultät Basel erfahren und den wertvollsten Beruf ausüben können, resumiert der 83-Jährige.
Und er sei Judith begegnet. Während er dies sagt, blickt er seine
Frau freudestrahlend an, als hätte er sie gestern erst kennengelernt. «Auf 10'000 Meter Höhe begegneten wir uns», freut er sich. «Das war doch Fügung!»
Aufgewachsen in Kleinbasel, studiert Jörg Gutzwiller in Basel bei Karl Barth und in Göttingen Theologie. Später wird er Pfarrer in Riehen, Wädenswil und dann in Zollikofen BE. Das Jahrhundert, das er erlebte, war von einer rasanten Entwicklung geprägt, sagt Gutzwiller. In den 30er Jahren sah er, wie ein Zeppelin über Basel schwebte und wie Walter Mittelholzer vom Sternenfeld im Flieger aufstieg. In Bonn erlebte er nach dem 2. Weltkrieg die ersten Schritte der deutsch-französischen Versöhnung, an der er mitwirkte, ferner die weltweite Entwicklung der Ökumene.
Er sei ein ängstliches Kind gewesen, erzählt Jörg Gutzwiller. In der Schule prügelte der Lehrer die Zöglinge. Vor dem Unterricht musste Jörg manchmal vor Angst erbrechen. Ein Spitalaufenthalt hat ihn verändert. Fern vom Elternhaus lag er vor einer Operation mit 14 anderen kleinen Patienten im Kinderzimmer, als ein heftiges Gewitter aufzog. Furchtbare Angst überkam den kleinen Buben. Da erinnerte er sich an Jesus und dessen Liebe zu den Menschen. Er begann zu beten. In diesem Moment kam ein befreiender Friede über ihn. Christus wurde für Gutzwiller zum Mutmacher.
Später als Pfarrer will er den Menschen dies weitergeben, ihnen zeigen, dass Gott sie führt und wie erfüllt und reich das Leben werden kann.

Momente der Stille im Bundeshaus
Die Botschaft wollte Jörg Gutzwiller auch in den Besinnungen weitergeben, die er anfangs mit seinem katholischen Kollegen Hans Peter Röthlin im Bundeshaus von 1979 bis 1999 hielt. Während der Session jeden Mitt­wochmorgen. Meist kamen um die dreissig Parlamentarier aus allen Fraktionen, oftmals auch Bundesräte wie Willy Ritschard, Leon Schlumpf oder Kurt Furgler. Nachher sass der Bundeshauspfarrer oft mit den Magistraten beim Kaffee zum Austausch zusammen.
Gutzwiller erlebte, wie «in der Stille und dem Hören auf Gott, Inspiration und neue Impulse zum Zuge kommen». «Wenn politische Gegner miteinander beten und in die gleiche Richtung schauen, verändert dies die Perspektive», ist der ehemalige Bundeshauspfarrer überzeugt.
Zu seinem Abschied wurde Gutzwiller am 8. Oktober 1999 in den Ständerat und Nationalrat geführt, wo ihn die Präsidenten unter Applaus würdigten. Seit 20 Jahren sei er und mit ihm die Besinnungen von Mittwochmorgen aus dem Ratsbetrieb nicht mehr wegzudenken. «Es ist ihm gelungen eine Oase der Ruhe zu schaffen. Parlamentarier, die sonst verschiedenste Ansichten vertreten, haben sich unter seiner Anleitung zur gemeinsamen Orientierung an der Bibel zusammengefunden.» Später schreibt Alt-Bundesrat Adolf Ogi: «Es ist meine Überzeugung, dass eine gerechte und gesunde Gesellschaft mit klaren Werten lebt. Es braucht heute Mut, kompromisslos für diese Werte einzustehen. Gutzwiller beschreibt durch seine Lebenserfahrung, wie uns aus dem Christusglauben starke Ermutigung zuteil wird.»


Judith und Jörg Gutzwiller, Schicksal, Fügung, Glück? Was eine Familie im 20. Jahrhundert erlebte. Verlag MosaicStones, Thun,
Jörg Gutzwiller, Oasen der Besinnung, ein spirituelles Angebot, Jordan Verlag, Zürich

Tilmann Zuber


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