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«Die Beschneidung ist das erste Bekenntnis der Eltern»

01.01.2016
In einem aufsehenerregenden Urteil hat das Landgericht Köln entschieden, dass Beschneidungen von Knaben aus religiösen Gründen rechtswidrig und damit strafbar seien. Dieses Urteil löste eine breite Debatte über religiös begründete Beschneidungen aus. Ein Gespräch mit Alfred Bodenheimer, dem Leiter des Zentrums für Jüdische Studien an der Uni Basel.

Alfred Bodenheimer, was haben Sie gedacht, als Sie von dem Urteil aus Köln gehört haben?
In einem Aufsatz über das Judentum im europäischen Wertewandel, den ich vergangenes Jahr schrieb und der kurz vor der Publikation des Kölner Urteils erschien, hatte ich die Vermutung ausgesprochen, dass beim Thema Beschneidung in Zukunft Wertekonflikte drohen könnten. Überrascht hat mich aber, wie rasch eine so drastische Wende eintrat und dass der Ausgangspunkt Deutschland war. Ich hatte Sensibilität und Respekt gegenüber anderen Religionsgemeinschaften in Deutschland höher eingeschätzt.

Das Kinderspital Zürich stoppte die Beschneidungen für zwei Monate das Kinderspital Basel hielt an seiner Praxis fest: Wie beurteilen Sie diese?
Beim Kinderspital Zürich ist es schwer, die politisch-weltanschauliche Zielsetzung zu übersehen. Rechtlich gesehen gibt es in der Schweiz keinerlei Grundlage dafür, dass Ärzte Konsequenzen für eine Beschneidung fürchten müssen, sie haben auch das Parlament hinter sich. Das Zürcher Kinderspital wollte offenbar ein Exempel statuieren und die Diskussion in die Schweiz tragen.

Was wiegt im Zweifelsfalle schwerer: die Religionsfreiheit der Eltern oder das Recht eines Kindes auf körperliche Unversehrtheit?
Wird das Kindswohl (ein zentraler Begriff im Kölner Urteil) aus einer ganzheitlichen Sicht beurteilt oder gemessen an einem von Minderheiten vollzogenen Akt, der isoliert betrachtet wird? Die Beschneidung jüdischer Knaben ist Teil eines Erziehungs-, Fürsorge- und Zugehörigkeitsmodells, das historisch unvergleichlich erfolgreich war und ist, weil es auf die Bildung freier, innovativer Geister aus ist. Jüdische Eltern sind notorisch und fast karikaturenhaft dafür bekannt, dass das Wohlergehen der Kinder im Zentrum ihres Lebens steht. Doch dazu gehört auch ein Bewusstsein von Zugehörigkeit, Tradition, manchmal sogar Transzendenz. Die Beschneidung ist nicht der blutrünstige Akt von fanatisierten Erzeugern, sondern das erste (und nicht leichte) Bekenntnis der Eltern. Aber um das Kindswohl geht es in dieser Debatte höchstens am Rande.

Warum ist die Beschneidung von Knaben für den jüdischen Glauben unverzichtbar?
Das Judentum ist nicht primär ein Glaube. Für Juden, und zwar für religiöse jedweder Denomination wie auch für säkulare, ist das, was sie tun, das, was sie als Juden tun. Die Juden leben seit Langem in einer freien und freiheitlichen Gesellschaft, in der sie niemand zu einem religiösen Akt zwingt. Wenn fast alle Juden ihre Kinder beschneiden, so erachten sie das offenbar als unverzichtbaren Akt. Die einen aus unverhandelbarer Verpflichtung gegenüber Gott, die anderen, weil jüdische Identität für sie daran gebunden ist.

Wandelt sich das Verhältnis von Recht und Religion in einer säkularen und multikulturellen Gesellschaft?
Wenn wir gerade derzeit etwas erkennen, so dies, dass unsere Gesellschaft vielleicht säkular, aber keinesfalls multikulturell ist. Wir erleben eine Hetzjagd gegen Minderheiten. Im «Offenen Brief zur Beschneidung», den dieser Tage über hundert Ärzte und Juristen unterschrieben, ist allen Ernstes die Rede von der «Anwendung von (sexueller) Gewalt gegenüber nicht einwilligungsfähigen Jungen», und eine Aussage darin lautet: «Es geht vielmehr darum, auch jüdisches und islamisches Leben im Rahmen der deutschen Rechtsordnung zu schützen.» Ein harmloser, jahrhundertelang in Europa offen praktizierter Eingriff wird nun zum Instrument der Barbarisierung ganzer Religionsgruppen. Überlegen sich diese Leute, welche Stimmung sie säen? Dass sie die unschuldigen Kinder, um die es ihnen angeblich geht, mittlerweile als Geiseln einer Diffamierungskampagne gegen ihre Eltern genommen haben?

Erkennen Sie eine Tendenz, die Religionsfreiheit zunehmend auszuhöhlen?
Nicht die Religionsfreiheit wird ausgehöhlt, sondern der Religionsbegriff. Religion ist frei, solange sie nicht praktiziert wird.

Woher kommt diese Angst vor dem Religiösen?
Natürlich haben die Gewalt und der Terror im Namen von Religion sowie die Unglaubwürdigkeit einiger religiöser Führer oder Systeme dazu beigetragen. Doch Religion hat insgesamt, ihres Bezugs zu einem verbindlichen Gottesbegriff beraubt, für viele den Ruch des zumindest Sinnlosen, wenn nicht Okkulten oder Magischen.

Gibt es eine Menschenwürde der Gläubigen?
Ich würde fragen: Gibt es eine Menschenwürde religiöser Minderheiten? Die politisch erfolgreichen Agitationen der letzten zehn Jahre im Zusammenhang mit dem Schächtverbot und der Anti-Minarett-Initiative und die zuletzt entlarvende Diktion der Beschneidungsgegnerin Deutschland lassen nicht darauf schliessen.


Alfred Bodenheimer ist Professor für Religions­geschichte und Literatur des Judentums sowie seit 2010 Leiter des Zentrums für Jüdische Studien an der Uni Basel.
Thomas Schelling ist Chefredaktor beim «Sonntag». Das Interview erschien in der Zeitschrift «Leben und Glauben».

Thomas Schelling

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