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«One Nation Under God»

01.01.2016
Amerikanische Politiker und Präsidenten berufen sich immer wieder auf Gott. Zivilreligiöse Symbole und Handlungen durchdringen den Alltag der Amerikanerinnen und Amerikaner. Die Religiosität der Amerikaner ist jedoch keine, wie wir sie kennen.

«Tausend Jahre Dunkelheit» prophezeit der amerikanische Action-Schauspieler Chuck Norris seinen Landsleuten, sollten sie den amtierenden Barack Obama noch einmal zum Präsidenten wählen. Und der republikanische Vizepräsidentschaftskandidat Paul Ryan verstieg sich in der Diskussion um Obamas Gesundheitsreform zur Aussage, dass «nur Gott und die Natur» heilen könnten. In den Reden und Debatten zum Wahlkampf um die Präsidentschaft vermischen die Politiker ohne Berührungsängste Politisches und Religiöses. Ein amerikanisches Phänomen, das Europäer oft mit Befremden zur Kenntnis nehmen.
In den USA sind Staat und Reli­gion strikte getrennt. Dennoch scheint der Glaube allgegenwärtig zu sein. Doch diese Religiosität, die praktisch die ganze amerikanische Gesellschaft durchdringt, ist nicht gleichzusetzen mit Kirchen. In den USA ist Gott ein «Gott der amerikanischen Nation», wie es Antonius Liedhegener, Professor für Politik und Religion an der Universität Luzern, ausdrückt. Was die Amerikaner leben, sei eine Zivilreligion «mit dem Präsidenten an der Spitze».

«Sozialismus und Schlimmeres»
Diese Zivilreligion existiert neben den Kirchen und unterscheidet sich deutlich von ihnen. Sie zeigt sich zum Beispiel auf den Banknoten mit dem Aufdruck «In God We Trust» (Wir vertrauen auf Gott) und in der amerikanischen Verfassung, welche die Grundrechte wie die zehn Gebote im Alten Testament aufzählt.
Es handelt sich um christliche Werte und Überzeugungen, die von der Mehrheit der Gesellschaft geteilt werden: beispielsweise die Ablehnung von Sozialismus und Kommunismus, die als gottlos gelten. «Sozialismus und Schlimmeres» beschwört denn auch Chuck Norris, wenn Obama Präsident bleibt.
Die gemeinsamen Werte werden mit nationalen Symbolen und zivilreligiösen Handlungen ausgedrückt: etwa mit der US-Flagge und dem «Pledge of Allegiance», dem Treuegelöbnis gegenüber der Nation und der Fahne, das die amerikanischen Schüler jeden Morgen leisten. Es ist ein Ausdruck dieser Zivilreligion, wenn sich Politiker und Präsidenten in ihren Reden ständig auf Gott berufen.

Hauptsache, man glaubt
Der republikanische Präsident Dwight D. Eisenhower soll sinngemäss gesagt haben: «Der Sinn unserer Regierung beruht auf einem tiefen religiösen Glauben, und es ist mir egal, welcher es ist.» Er selber war der beste Beweis dafür. Seine Eltern waren Mennoniten, die zu den Zeugen Jehovas übertraten, als Eisenhower fünf Jahre alt war. Als Erwachsener liess er sich taufen und wurde Mitglied einer presbyterianischen Kirche.
Die Amerikaner zeigten eine grosse Toleranz gegenüber allen religiösen Gruppierungen, so die Erfahrung der Journalistin Lotta Sutter, die lange Zeit als Korrespondentin aus den USA berichtete: «Viele Amerikaner wechseln eher die Kirche als ihre politisch-gesellschaftlichen Werte. So lange man etwas glaubt, ist es in Ordnung», sagt sie. Bekennende Atheisten und Agnostiker hingegen hätten es schwerer.

Vatikan oder US-Verfassung?
Die Konfessionszugehörigkeit von Präsidentschaftskandidaten spielt dann eine Rolle, wenn zentrale amerikanische Werte in Gefahr sind. Von ihrer Gründung her sind die USA protestantisch geprägt. John F. Kennedy war der erste katholische Präsident Amerikas. Seine Wählbarkeit war lange umstritten. Viele befürchteten, dass er dem Papst eher gehorchen würde als der amerikanischen Verfassung.
Heute hingegen «mögen» die Evangelikalen die Katholiken, weil sie gleiche Werte vertreten, etwa in der Abtreibungsfrage. Religiös-konservative Republikaner haben sich lange für Mitt Romneys katholischen Gegenspieler Rick Santorum eingesetzt. Erst ganz am Schluss schwenkten sie um. Romney kam ihnen entgegen, indem er den Katholiken Paul Ryan zu seinem Vize erkor.

Protestanten sind beliebt, Mormonen weniger
Als Mormone hat Romney keinen leichten Stand. Laut Philipp Schweighauser, Professor für amerikanische Literatur an der Universität Basel, kommen die Mormonen bei den Amerikanern in Umfragen nach den beliebtesten Religionen zusammen mit den Muslimen und den Buddhisten am schlechtesten weg. Ein gutes Image haben moderate Protestanten, Katholiken und Juden.
Bei Barack Obama trat die Religionszugehörigkeit in den Hintergrund, weil er vor allem als erster schwarzer Präsident wahrgenommen wurde. Auch er machte «religiöse» Konzessionen. Für seine Amtseinsetzung wählte der Liberale den evangelikalen Pastor einer der typischen amerikanischen Megakirchen. Dieser hatte sich zuvor gegen die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern ausgesprochen. Obama begründete seine Entscheidung damit, «dass Amerika zusammenfinden müsse».

Die «Himmlische Stadt» gegen das «Reich des Bösen»
Das Land zusammenzubringen als «one nation under god» (geeinte Nation unter Gott), wie es im «Pledge of Allegiance» heisst, verstanden die Republikaner in den Achtzigerjahren unter Ronald Reagan besonders gut. Der gottesfürchtige Reagan rief die Leute zum gemeinsamen Gebet auf und bezeichnete die USA als «himmlische Stadt auf dem Berg». Mit diesem biblischen Bild strich er die führende Rolle Amerikas in der Welt heraus und einte das Land nicht zuletzt im Kampf gegen den Kommunismus. Für die Sowjetunion prägte er den Begriff «Reich des Bösen». Er war es auch, der das «God bless America» (Gott segne Amerika) wieder salonfähig machte.

Der Politik- und Religionswissenschaftler Antonius Liedhegener, die Journalistin Lotta Sutter und der Literaturwissenschaftler Philipp Schweighauser waren im September zu Gast an einem Gespräch zum Thema «Religion und die USA» im Literaturhaus Basel, welches das Forum für Zeitfragen mitorganisiert hatte.



Veranstaltung
«Barack Obama or Mitt Romney? The United States in the 2012 Presidential Election Year», öffentlicher Gastvortrag von Corwin Smidt (Calvin College, Grand Rapids, USA), Donnerstag, 4. Oktober, 17.15 bis 19 Uhr, Universität Luzern, Frohburgstr. 3.

Karin Müller


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