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Reformierte Jugendliche: Glaube ja, Kirche nein

01.01.2016
Jugendliche bekennen sich zum Glauben, die Kirche brauchen sie dafür nicht. Das ist eine Erkenntnis aus der Umfrage unter reformierten Baselbieter Jugendlichen. Wie kann die Kirche die Jugend erreichen? Diese Frage stand im Zentrum der Aussprachesynode.

«Die reformierte Kirche soll für alle da sein, unabhängig von deren Religion. Die Kirche ist eine soziale Institution. Glaube braucht keine Kirche.» Das sagen Baselbieter Jugendliche über die Kirche. Im August trafen sich 40 Teilnehmende zur ersten Jugendsynode in Liestal. Dort sprachen sie über ihre Wünsche und ihre Beziehung zur Kirche. An der Aussprachesynode auf dem Leuenberg beschäftigten sich nun rund 50 Kirchenvertreterinnen und -vertreter mit der Auswertung der Ergebnisse.
Es zeigte sich, dass junge Menschen zwar glauben, zur Kirche jedoch eher Distanz halten. Im Weiteren kam heraus, dass die Bedürfnisse der Jugendlichen sehr unterschiedlich sind und sich zum Teil auch widersprechen: So gibt es einige, die sich einen Ort wünschen, an dem sie «einfach sein können», während andere Jugendtreffs mit Events vorziehen. Die Mehrheit ginge lieber am Abend in den Gottesdienst statt am Sonntagmorgen. Manche möchten modernere Musik hören in der Kirche oder sie wünschen sich ganz allgemein «mehr Angebote für Jugendliche».
Wie können die Kirchgemeinden allen Erwartungen und Wünschen gerecht werden? Was können sie tun, um die Jugendlichen einzubeziehen? Ein Programm auf die Beine stellen, das für möglichst jeden Geschmack ein Angebot bereit hält? «Nein», meint Andrea Meier von der Fachstelle Jugend der katholischen Kirche Region Bern. «Jugendliche zugeben und umrühren» wie im Kochrezept das funktioniere nicht. Die Kirchgemeinden hätten mehr Erfolg, Jugendliche zu integrieren, wenn sie diese gezielt ansprechen. Dazu sei es jedoch erforderlich, sich über die eigenen personellen wie finanziellen Ressourcen im Klaren zu sein und herauszufinden, welche Jugendlichen mit welchen Angeboten erreicht werden können.

Verschiedene Lebenswelten
Andrea Meier untersuchte die kirchliche Jugendarbeit im Hinblick auf die unterschiedlichen Lebenswelten von jungen Menschen. Dabei stützte sie sich auf eine Studie aus Deutschland, welche die Jugendlichen in verschiedene Milieus einteilt.
Wie in der Umfrage an der Jugendsynode zeige sich auch hier, dass im Grunde alle Jugendlichen an Sinnfragen interessiert seien, dass sie daraus aber nicht unbedingt die Brücke zur Kirche schlagen. Nicht alle Jungen seien in gleichem Masse für die Kirche empfänglich, erklärte die Theologin weiter. Bürgerliche Jugendliche beispielsweise stünden der Kirche näher als Jugendliche, die vor allem auf Vergnügungen aus seien und sich nichts vorschreiben liessen. Auf sie wirke die Kirche «langweilig, fremd und altmodisch». Doch mit dem richtigen Angebot erreiche die Kirche auch sie, zum Beispiel mit einer WG-Woche ohne Eltern und vorbestimmte Regeln.
Neben konservativ-bürgerlichen sowie spass- und konsumorientierten Jugendlichen unterscheidet die Studie noch vier weitere Milieus, unter anderem die Gruppe der sozial Benachteiligten, der Anpassungsbereiten, Pragmatischen sowie der Spontanen und Experimentierfreudigen. Weil die Gruppen sich teils stark voneinander unterscheiden, seien die Kirchenpflegen gefordert, sich Gedanken darüber zu machen, welche Schwerpunkte sie in ihrer Jugendarbeit setzen möchten. «Keine Kirchgemeinde kann alle Milieus bedienen», betonte Andrea Meier.

Verantwortung übergeben
In ihren Überlegungen geht Andrea Meier von den Thesen des deutschen Theologen Robert Ochs aus: «Jugendliche sind anders. Sie muten sich den Erwachsenen zu. Sie stellen Erwachsene in Frage. Sie sind produktive Störfälle. Sie zwingen zu Verantwortung.» Die Erwachsenen sollten sich auf die Jugendlichen einlassen. Eine Erwachsenenkirche, in der die Jugendlichen ein wenig mitmachen dürfen, funktioniere nicht. Auch verschiedene Vertreterinnen und Vertreter aus Synode, Kirchenpflegen und Kirchenrat forderten, man müsse die Jugendlichen dort einbinden, wo Entscheide gefällt werden, etwa in den Kirchenpflegen.
An der Aussprachesynode wurden keine Beschlüsse gefasst. Die Anwesenden bekräftigten den Willen, die Jugendarbeit weiterzuentwickeln. In einem ersten Schritt soll die Fachstelle für Jugendarbeit das Bedürfnis nach weiteren Jugendsynoden abklären.

Karin Müller


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