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«Die Genesis wirkt bis heute auf die Weltpolitik»

01.01.2016
Das Erste Buch Mose als Bühnenstück? Zur Zeit ist die Genesis in der Schiffbau-Halle des Schauspielhauses Zürich als Theatermarathon zu erleben. Der Schweizer Schrift­steller Lukas Bärfuss wirkte als Dramaturg mit.

Kirchenbote: Lukas Bärfuss, haben Sie die Genesis vor Ihrem Theaterprojekt mit Regisseur Stefan Bachmann am Schauspielhaus Zürich gekannt?
Lukas Bärfuss: Ja, sicher. Ich bin in einer bibelfesten Umgebung im Berner Oberland aufgewachsen. Einzelne Geschichten in der Bibel haben mich sehr geprägt Jakob, Josef und Noah natürlich. Eine Geschichte, die mich immer sehr beschäftigte, war die Sintflut. Vor allem die Tatsache, dass Gott einen Regenbogen als Zeichen an den Himmel zeichnet und verspricht, dass «Nie wieder alle Wesen aus Fleisch und Blut von der Flut ausgerottet werden.» Daran hält er sich, aber kurz darauf lässt er auf Sodom und Gommorha statt Wasser Feuer regnen. Ich hielt das immer für eine besonders grausame Schlaumeierei.

Sie haben sich als Dramaturg der Inszenierung intensiv mit dem Ersten Buch Mose beschäftigt. Wie nehmen Sie die Genesis als Schriftsteller wahr?
Ich habe viel gelernt darüber, wie die Dramaturgie aufgebaut ist und weshalb der Text derart wirkungsvoll war. Hollywood gibt ja oft damit an, dass viele Autoren viele Jahre an einem Drehbuch sitzen und es immer wieder überarbeiten. Im Vergleich zur Genesis ist das gar nichts. Dort dauerte die Überarbeitung mehrere hundert Jahre. Generationen von Autoren waren am Werk. Und das spürt man: Alles, das keine Wirkung zeigt, wurde rausgestrichen. Die Dramaturgie ist äusserst effektiv: Es läuft immer etwas, aber es läuft nie zu viel aufs Mal. Die Genesis hat eine zwingende Vorwärtsenergie, der man sich kaum entziehen kann, vor allem, wenn man den Text laut liest.

Stimmt es, dass Sie und Bachmann sich alle fünfzig Kapitel der Einheitsübersetzung, die ungekürzt einen Theaterabend von über fünf Stunden ergibt, laut vorgelesen haben?
Das laute Vorlesen ist der Kern jeder Vorbereitungsarbeit im Theater. Es ist die beste Art, einen Text von Grund auf kennenzulernen und zu sehen, welche Assoziationen entstehen. Die Entscheidung, den Text nicht zu kürzen und wirklich integral auf die Bühne zu bringen, stand von Beginn fest. Sobald man streicht, läuft man Gefahr, jene Geschichten zu belassen, die im Theater besonders gut funktionieren, erzählt entweder die Geschichten von Versöhnung oder jene vom Hass und von der Wut, je nach Standpunkt. Ungekürzt werden die Inkohärenzen des Textes sichtbar und es bleiben Dinge nebeneinander stehen, die man vielleicht gar nicht versteht.

Sie bezeichnen sich als «nicht gläubigen Menschen». Warum ist Ihre Ehrfurcht vor diesem ersten Buch der Bibel derart gross?
Ehrfurcht ist es nicht, aber ich möchte mich jedem Text mit Sorgfalt nähern. Und ich glaube nicht, dass ich eine abschliessende Interpretation geben kann. Die Genesis ist ein grundlegender Text unserer Zivilisation. Er hat sich durch viele Generationen tradiert, und zwar in seiner Gänze. Ich kenne kaum einen Text, der eine solche Wirkung entfaltet hat. Er etabliert Stereotypien, die immer noch gelten.

Zum Beispiel?
Das Verhältnis zwischen ungleichen Brüdern (Kain und Abel), die Ansicht über den Erfolg im Leben, die Dynamik Bestrafung und Belohnung, die Willkür der göttlichen Entscheidung das sind alles Elemente von dort, die bis heute in vielen Geschichten zu finden sind. Und zudem wirkt die Genesis bis heute auf die Weltpolitik.

Wie denn?
Ich war diesen Frühling in Israel. Der Konflikt in Hebron hat seinen Ursprung in der Genesis. Dort steht, Abraham habe vom Hethiter Efron die Höhle von Machpela gekauft, als Grabstätte für seine Familie. Daraus leiten die radikalen Siedler ihr Aufenthaltsrecht in Hebron ab.

Gewalt in allen erdenklichen Formen ist sie für Sie auch so dominant in der Genesis, wie dies die Medien hervorheben?
Der Text hegt eine grosse Faszination für Brutalität und Grausamkeit, aber auch für die Erotik und die Liebe. Er ist, mit Ausnahme der Josefsgeschichte, meistens in einer Polarität verhaftet zwischen Gut und Böse, Freund und Feind, Treue und Verrat.

Ist die Genesis im Grunde nicht ein sehr menschlicher Text, indem er uns Menschen in unserer ganzen Widersprüchlichkeit zeigt?
Mindestens so widersprüchlich wie die Menschen ist dieser Gott. Er ist unfertig und hat fast Regisseurcharakter: Er diktiert und skizziert etwas, damit er es nachher wieder auslöschen und neu beginnen kann. Man liest Genesis und Exodus oft als eine Zivilisierungsgeschichte, bei der es auch um die Überwindung des Menschenopfers geht. Mir scheint, die Zivilisierung Gottes ist ebenso wichtig. Die Menschen versuchen, mit einem willkürlichen Gott einen Vertrag zu schliessen und ihn so berechenbar zu machen.

Gott kommt im Stück als schwarz gekleideter Cowboy mit Vollbart daher
Die Personifizierung steht nicht im Zentrum. Denn er entwickelt sich in die Abwesenheit: Je weiter die Genesis fortschreitet, desto rarer macht sich Gott. Mit Jakobs Kampf am Jabbok verschwindet er mehr oder weniger aus der Sphäre Gottes. Dafür werden Träume wichtiger und Gott glänzt durch Abwesenheit.

Gut oder schlecht?
Es ist ein Glück, dass er verschwindet. Denn immer wenn Gott kommt, wird es gefährlich. Die Auserwählten sind wirklich nicht zu beneiden, von ihnen wird sehr viel verlangt.

Darf Gott bildlich dargestellt werden? Der Rabbiner Marcel Yair Ebel kritisierte «Sie nehmen mir meine Bilder und meine Fantasie weg».
Das respektiere ich natürlich. Aber es ist uns ja nie darum gegangen, einen religiösen Abend zu machen oder religiöse Prämissen zu erfüllen. Wir wollten die Genesis auf eine theatrale Art und Weise erkunden und dazu gehört, dass man gewisse Dinge verkleinert und andere überhöht, zur Kenntlichkeit überzeichnet.

Trotzdem: Sie riskieren dabei, religiöse Gefühle zu verletzen.
Ich respektiere die persönliche Einstellung Anderer. Doch so sehr dieser Text Herrn Ebel gehört, er gehört auch mir.

Bald schon ist Weihnachten. Was machen Sie dann mit Ihrer Familie?
In den letzten Jahren feierten wir oft mit befreundeten Pfarrern in ihrem Kirchgemeindehaus, gemeinsam mit den Menschen ihrer Gemeinde. Das ist immer sehr schön. Ich möchte meinen Kindern nicht einen wichtigen Teil unserer Kultur vorenthalten, nur weil ich persönlich unfähig bin zum Glauben.






Lukas Bärfuss
Der Autor Lukas Bärfuss schreibt Prosatexte («Hundert Tage»), Hörspiele und vor allem Theaterstücke («Die sexuellen Neurosen unserer Eltern», «Der Bus», «Die Probe», «Öl», «Malaga»), die in Basel, Bochum, am Thalia Theater Hamburg, an den Münchner Kammer-spielen und am Deutschen Theater Berlin uraufgeführt wurden. Seit der Spielzeit 2009/10 arbeitet er als Autor und Dramaturg am Schauspielhaus Zürich.

Interview: Anna Wegelin

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Lukas Bärfuss


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