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THEMA: Leben in Bruchstücken

01.01.2016
Erfahrung: Besuch bei der dementen Grossmutter.

«Wer bist du?» Fragend wandert der Blick meiner Grossmutter zwischen mir und meiner Mutter ihrer Tochter. Jedes Mal der überflüssige und demütigende Test mit der Hoffnung, dass sie mich heute erkennt. Es spielt keine Rolle mehr. Mein Grosi, offen und gastfreundlich, freut sich über meinen Besuch. Ganz gleich, wie viele Generationen und Erinnerungen dazwischen liegen, die sie am Einordnen hindern. Sie spürt, dass ich zur Familie gehöre, nur nicht mehr wie genau. Sie ist da, ich bin da und es ist gut so.
Sie sitzt im Rollstuhl an ihrem Tischchen mit Blick in die sanften grünen Hügel des Oberaargaus. Ihre gekrümmten, Rheuma geplagten Hände kneten den Pullover. Erneut dieser fragende Blick. Meine Mutter liest ihr eine Geschichte über ein heftiges Gewitter vor. Aufmerksam verfolgt sie das Geschehen. Ihre Mimik verrät, wie stark sie sich mit der Situation identifiziert und schlummernde Erinnerungen erwachen. «Ja, als ich ein Kind war, hatten wir ein Bauernhaus ganz aus Holz. Wenn es stark gewitterte, versammelten wir uns und beteten. Auch der Vater, der betete kurz und ernst.»

Momente der Vergangenheit
Die Themen wechseln rasant, die Zeiten von denen sie erzählt auch. Wenn ich zu Besuch bin, leben wir in den Bruchstücken, die aus ihr hervorbrechen ihr gerade wichtig sind. Als sie verheiratet war, lebte sie mit vier Generationen auf einem Hof. Die Schwiegermütter machten den Schwiegertöchtern über Generationen hinweg das Leben schwer. Dazu meine Grossmutter: «Ich trage niemandem etwas nach. Meine Mutter sagte immer, man soll dankbar sein für alles, was man hat, die schönen Momente und guten Zeiten.» Diese Versöhntheit nehme ich ihr ab. Die Dankbarkeit und Grosszügigkeit des Vergebens lebt mir die Grossmutter bis heute vor.
«Mein Mann war ein lieber Ehemann, vielleicht etwas streng, aber lieb.» Auch das wiederholt sie, wie die Frage, wo er denn jetzt gerade sei. Meine Mutter erklärt ihr, dass er im Winter starb und sie deshalb jetzt hier im Pflegeheim sei. Wehmütig nimmt sie es zur Kenntnis. Ich kann in ihrem Gesicht ablesen, wie ihr klar wird, dass sie eigentlich von seinem Tod wusste, irgendwo ganz tief drin, mehr Gefühl als Gedanke. Ein Gefühl, das sie nicht mehr in Worte fassen kann. Weil dieses tiefe Gefühl vorhanden ist, wird sie bei der Erinnerung an ihren Mann auch nicht mehr so traurig, wie kurz nach seinem Tod. Damals durchlitt sie den Verlust bei jeder Erklärung von neuem. Irgendwo hat sich die Gewissheit gesetzt, sie ist nur nicht abrufbar.
Für meinen Grossvater war es immer schwieriger geworden, seine Frau zuhause zu pflegen. Wenn sie etwa vergass, dass sie nicht gehen konnte, plötzlich aufstand und fiel. Er konnte sie selber nicht mehr hochziehen. In solchen Momenten weinte er manchmal. Zu seiner Entlastung ging Grosi ins Tagesheim, aber sie fühlten sich beide schlecht dabei. Er, weil er sich schwach fühlte und fremde Hilfe beanspruchte, sie, weil sie sich abgeschoben fühlte. Und doch konnte er nicht mehr.

Das vertraute Singen schafft Verbundenheit
Zusammen singen wir alte Lieder aus ihrer Jugend sie wünscht und stimmt an. Die Strophen kommen ihr manchmal in den Sinn, manchmal nicht. Sie gerät so richtig in Fahrt und möchte nicht mehr aufhören, auch wenn wir einige Lieder schon drei Mal gesungen haben. Wir geniessen den Moment tiefer Verbundenheit. Früher sang die Grossmutter viel bei der zermürbenden Arbeit und später auch mit ihren Töchtern beim Abwasch. «Ach, eine Mutter ist stolz, wenn sie gescheite Töchter hat. Deshalb habe ich mit ihnen für die Schule gelernt.» Plötzlich bricht der Gedanke aus ihr heraus. Dieser tiefe Stolz in ihrer Stimme berührt mich. Zeit und Raum lösen sich auf. «Hol doch bitte den Tee aus der Küche», bittet mich die Grossmutter, weil sie in Gedanken im Bauernhaus ist. Die Generationengrenzen verschwimmen. Ich werde herzlich verabschiedet, vielleicht wie eine Tochter oder eine Schwester nur das Gefühl der Nähe und des Augenblicks zählt. ­

Noemi Jenni


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