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THEMA «Die Würde des Menschen ist nicht an seine Fähigkeiten gebunden»

01.01.2016
«Man muss in der Öffentlich­keit bekannt machen, dass an Demenz Erkrankte ein gutes Leben führen ­können», fordert Andreas Kruse, der in Heidelberg das Institut für Gerontologie leitet.

Herr Kruse, Sie hielten eben einen Vortrag über die Würde des Menschen am Lebensende. Das Publikum war begeistert. Spricht man jedoch mit den Leuten auf der Strasse, so fürchten viele, als Demente genau diese Würde zu verlieren.
Wir vom Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg gehen davon aus, dass die Würde dem Menschen immer gegeben ist. Als Mensch sind wir mit Menschenwürde ausgestattet. Als Christen würden wir sagen, sie ist von Gott gegeben. Sie ist überhaupt nicht gebunden an Fähigkeiten und Fertigkeiten, die der Mensch hat, beziehungsweise nicht hat.

Das gilt auch für jemanden, der nichts mehr selbst machen kann und dem die Windeln gewechselt werden müssen?
Unbedingt. Die Menschenwürde muss sich jedoch auch leben können, sie muss sich verwirklichen können. Darum steht die Frage im Vordergrund, was wir tun, damit wir Menschen mit einer schweren Demenz die Möglichkeit geben, ihre Würde leben zu können.

Was können wir tun?
Lebensfreude ist in hohem Masse verbunden mit sozialen Beziehungen. Auch Menschen mit einer Demenz müssen mit anderen kommunizieren können. Sie sollten erleben, dass andere sie mögen und ihnen mit Sympathie und Respekt begegnen. Auch Demenzkranke wollen mit anderen Menschen etwas zu tun haben. Das ist eine Form, wie sich die Menschenwürde verwirklichen kann.
Eine zweite sind die Inseln des Selbst: Wenn wir erkennen, welches früher die wichtigsten Bereiche des Selbst gewesen sind das kann eine Liebe gewesen sein, bestimmte Aspekte des Berufes, das kann die Musik gewesen sein dann sehen wir, dass diese einst bedeutungsvollen Bereiche des Selbst auch noch in der Demenz weiter leben. In der Demenz haben wir Reste oder Inseln des Selbst. Diese gezielt anzusprechen, ist ein Beitrag dazu, dass sich die Menschenwürde von Demenzkranken verwirklichen kann.

Warum empfinden derart viele Menschen eine drohende Demenz als die schlimmste Katastrophe, die ihnen passieren kann? Beispielsweise Gunther Sachs, der sich selbst tötete.
Viele können sich nicht vorstellen, dass sie kognitive Fähigkeiten einbüssen und trotzdem so etwas entstehen kann wie Freude und Glück. Auch in Prozessen einer Demenz erleben Menschen, wenn sie in guten sozialen Kontexten leben, Freude und Glück. Diesen Aspekt müsste man viel stärker in der Öffentlichkeit kommunizieren.

Auch demente Menschen können glücklich sein?
Das zeigt unsere Forschung deutlich. Wir haben bei vielen demenzkranken Menschen eine bemerkenswerte Lebensqualität festgestellt. Wir müssen in der Öffentlichkeit klarmachen: Ein gutes Leben ist nicht nur abhängig von der kognitiven Leistungsfähigkeit. Es gibt noch viele andere Bereiche, die der Mensch verwirklichen kann. Diese Verwirklichung bedeutet Lebensqualität.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Ich erlebte eine Frau, bei der ich sogar selber vermutete, dass sie nichts mehr fühlt und spürt. Die Demenz war weit fortgeschritten. Ihr Gesicht war erstarrt. Dann erlebte ich, wie die Kranke ein Konzert hörte, das ihre Tochter und ihr Schwiegersohn in einem Altersheim gaben. Sie spielten Brahms und Bach. Als die beiden den Instrumenten die ersten Töne entlockten, begann die Frau wie verwandelt auf sie zu schauen. Das Gesicht wurde durchlässig für die Emotionen und Affekte und die Frau fing zu weinen an. Sie hat in der schwersten Demenz die Musik wahrgenommen. Die Töne haben in ihr positive Affekte und Emotionen ausgelöst. Das war unglaublich!

Sie sprechen auch von den Ressourcen, welche Demenzkranke haben. Das Empfinden von Musik ist eine davon. Ist auch religiöser Glaube eine Ressource?
Die religiösen Praktiken, die man früher ausgeführt hat, werden manchmal in der Demenz und überhaupt im hohen Lebensalter thematisch wichtiger. Das Gebet etwa, der Rosenkranz, die Kontemplation vor dem Kreuz, und vor allem das Erlebnis von Gemeinschaft in der religiösen Praxis. Letzteres ist extrem wichtig. Ich würde sagen, nicht unbedingt die Religiosität an sich, aber die religiösen Rituale können für Menschen, die diese früher gerne ausübten, auch bei Demenz eine grosse Ressource sein.

Ihre Erkenntnisse geben Zuversicht. Aber helfen sie auch den Angehörigen? Diese opfern sich tagtäglich auf. Sie empfinden es als Beschönigung, wenn man von Ressourcen und Lebensfreude bei Demenz spricht.
Das ist sehr nachvollziehbar. Wenn man permanent mit einem demenzkranken Menschen zusammen ist, wird man mit einer sich extrem verändernden Welt konfrontiert. Diese Konfrontation kann jemand alleine gar nicht bewältigen. Angehörige von demenzkranken Menschen sollten nicht alleine gelassen werden. Sie bedürfen einer umfassenden Unterstützung durch die Gemeinschaft. Sie sind dringend auf ein sorgendes Umfeld angewiesen. Das heisst auf Nachbarn, Freunde, Bekannte und Angehörige, die sie unterstützen. Neben all den professionell Tätigen.

Eine letzte Frage: Was raten Sie jemandem, der die Diagnose Demenz erhält?
Dass er sich mit dem Arzt, mit den Angehörigen, mit den Pflegenden intensiv darüber auseinandersetzt, welche verschiedenen Phasen mit bestimmten Verlusten auf ihn zukommen und wie er sich darauf vorbereiten kann. Ich rate ihm auch, zu versuchen, in den alltagspraktischen Bezügen drin zu bleiben, um genügend Stimulation und Aktivierung zu erhalten.

Interview Barbara Helg



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