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THEMA «Verlass mich nicht, wenn ich dich nicht mehr kenne»

01.01.2016
In der Schweiz erkranken pro Tag rund 60 Frauen und Männer an Demenz. Diese Zahl wird massiv ­steigen, sagen Fachleute. Ein Prob­lem dabei ist: Die Krankheit Demenz rüttelt an unserem Menschenbild.

Da ist Georg F. Auf die Frage nach der Zahl seiner Kinder und Enkel kann der fast 90-Jährige meist keine Antwort geben. Er vergisst, was er zum Frühstück gegessen hat. Doch er küsst seine Frau auf den Mund, die Töchter auf die Wange. Dies verwechselt er nie. Neulich hat er ein Gedicht auswendig vorgetragen, das er vor mehr als 60 Jahren für seine spätere Frau schrieb. Sofi P.s Vater Kurt musste sich kürzlich unter massiven Ängsten in einer Memory-Klinik untersuchen lassen. Oft reagiere er nur wenig auf Besuche. «Er ist da und doch nicht da», umschreibt die Tochter den Zustand.

Demenz gehört zum Alter
Kurt P. und Georg F. leiden an Demenz. Bei dieser Krankheit treten der Verlust des Erinnerungs-Vermögens zusammen mit anderen Funktionsstörungen des Gehirns auf. Dies führt allmählich zum Verlust der Selbständigkeit. Heute sagen Fachleute: «Das grösste Risiko einer Demenz ist das Alter.» Der Anteil Demenzkranker steigt mit dem Lebensalter: Von unter fünf Prozent im Alter von 70 bis 74 auf über 30 Prozent ab 90 Jahren. In der Schweiz leben heute über 110'000 Menschen mit Demenz, bis 2050 werden es laut Allianz Suisse 266 000 sein. Die Gesamtkosten für die Pflege in der Schweiz liegen bei 7 Milliarden Franken pro Jahr der Einsatz der Angehörigen ist davon ausgenommen. Er ist enorm: Von den 110'000 Erkrankten in der Schweiz werden rund 60 Prozent zu Hause betreut. Damit sind über 300'000 Personen zusätzlich zu den Kranken unmittelbar von Demenz betroffen, oft bis zur Erschöpfung.

Was ist der Mensch?
Die Krankheit ist eine grosse Herausforderung für unsere Gesellschaft. Nicht nur, was die zukünftige Pflege betrifft. Sondern auch, was unsere Vorstellung eines «Lebens in Würde» angeht. Demenz stellt unser leistungsorientiertes Menschenbild in Frage. Aber sind wir ausschliesslich Vernunft, Autonomie und Gehirn? Für manche schon: Der Oxforder Ethiker Jeff MacMahan etwa bezeichnet schwer demente Menschen als «Post-Person». Wer geistig nicht folgen, nicht mehr in unserem Sinn sinnvoll kommunizieren kann, der gehört für ihn nicht zur menschlichen Gemeinschaft. Daraus leitet er Folgen für das Recht auf Pflege ab. Zusammen mit anderen Philosophen orientiert er sich ausschliesslich am kognitiven Leistungsvermögen. Andere Qualitäten wie etwa Emotionen zählen nicht. MacMahan befindet sich dabei in Nachbarschaft zu Seneca oder Marc Aurel: Auch für sie zählt nur, ob der Geist im Alter noch funktioniert. Der berühmte Satz «Ich denke, also bin ich» des Philosophen René Descartes verweist gleichfalls auf diese Betonung. Organisationen für Suizid-Beihilfe wie Exit, die sich auf «Selbstbestimmung» und «Autonomie» des Menschen berufen, tun dies auch.
Dies widerspricht diametral der Wahrnehmung vieler Angehörige. Sie wehren sich dagegen, dass man die Kranken nur über Defizite definiert. Sofi P. berichtet, wie ihr Vater immer wieder Vertrautes aufscheinen lässt, etwa bei seinen «Mödeli». Aber auch Neues hat er entwickelt. Der früher Berührungsscheue kann heute lange einer Person die Hand halten und Zärtlichkeit entgegen nehmen. In seinen Äusserungen blitze manchmal ein «schräger Humor» auf. «Wir sind uns oft sehr nahe», sagt die Tochter und freut sich darüber.

Ein reiches Gefühlsleben
Auch Andreas Kruse, Professor für Gerontologie an der Universität Heidelberg, betont, dass selbst schwer demenzkranke Menschen ein reiches Gefühlsleben haben. Auch Kranke in weit fortgeschrittenem Stadium haben, so neuere Studien, immer ein subjektives Erleben. Der Gerontologe Helmut Mazander aus Basel sagt deshalb: «Demenz ist normal und gehört zum Leben. Wir müssen lernen, mit diesem Phänomen umzugehen und es nicht zu verdrängen.» Auch die Bibel legt den Menschen nicht ausschliesslich auf die kognitiven Möglichkeiten fest. Von Hirnleistungen als Bedingung ist nicht die Rede.
Wie aber werden wir mit Demenzkranken in Zukunft umgehen? Wie und wo sollen sie leben, welche Unterstützung sollen sie erhalten? Forscher der Universität Bangor/Wales befragten Heimbewohner mit leichter bis mittelschwerer Demenz. Viele sprachen über Angst, Entfremdung und Einsamkeit. «Ich fühle mich so allein hier.» «Warum reden die Leute nicht mehr mit mir?» «Ich fühle mich wie ein Aussenseiter», sagten sie etwa. Zuwendung ist ein Schlüsselwort im Umgang mit Demenzkranken. Der Gerontologe Andreas Kruse, der die Lebensqualität von Demenzkranken erforschte, betont, dass eine der wichtigsten Ressourcen die zwischenmenschlichen Kontakte seien.

«Ich weiss, dass ich liebe»
Die Angst, nur noch als Kosten- und Pflegefaktor zu gelten, sei bei vielen gross. In den «Zehn Geboten» der Bibel heisst es: «Du sollst Vater und Mutter ehren» auch hier wird keine Bedingung für Leistungsmöglichkeiten genannt. Gerade die Religionen haben immer betont, dass ein Leben bis zum Ende seinen Wert behält und der Menschen seine Würde. Dies empfand ich zutiefst, als mich eine betagte Freundin mit den Worten begrüsste: «Ich weiss nicht wer du bist, aber ich weiss, dass ich dich liebe.»




Bücher 
> Noah Arnold, «Der rote Faden», Im Leben nicht verloren gehen, db-verlag 2012
> Arno Geiger, «Der alte König in seinem Exil», Hanser 2011. Der Autor erzählt von seinem demenzkranken Vater.
> «Das Leben heiligen. Spirituelle Begleitung von Menschen mit Demenz.
Ein Leitfaden», Hrsg. von Anemone Eglin ua., TVZ Verlag

Anlaufstellen 
> Rot-Kreuz-Fahrdienst: fährt bei Bedarf Angehörige zum Arzt, zu Spitalbesu­chen, Einkäufen (Arztzeug­nis nötig, kostenpflichtig).
> Pro Senectute: bietet Beratung in Fragen Finanzen, Lebensgestaltung, Gesundheit und Wohn­situation (unentgeltlich).
> Die Spitex der Gemeinden: Grundversorgung und medizinische Hilfe, Haushalts­hilfe (Preise nach Aufwand und Einkommen).
> Entlastungsdienste: etwa vom Roten Kreuz, mit ausgebildeten Betreuerinnen und Betreuern (Kosten nach Aufwand und Einkommen).

Christiane Faschon


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