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Der Schlüssel zum Leben

01.01.2016
Vor 125 Jahren wurde der Maler Marc Chagall geboren. Seine Bilder sind intensive Predigten zum Alten und Neuen Testament. So auch im Prophetenfenster im Zürcher Fraumünster.

Wer das Prophetenfenster im Zürcher Fraumünster betrachten will, tut dies am besten an einem sonnigen Tag um die Mittagszeit. Im dämmrigen Halbdunkel sucht man unsicher den Weg durch das Kirchenschiff zum Chor. Und dann zieht einen ein magisches Rot in seinen Bann.
Ganz links steht das Prophetenfenster. In ihm fasst der Maler in einem Rot all das Leiden zusammen, das die Propheten des Alten Testaments bis an die Grenzen des Wahnsinns führte: Die Einsamkeit in der Ausgrenzung, die göttlichen ­Visionen und Entrückungen. Wie in einem brennenden Feuerofen lodern die Flammen hoch auf, verdichten sich und schlagen am heissesten Punkt ins Bläuliche um. Leben ist leidenschaftliches Rot, das unbarmherzig brennt und versengt.
Im unteren Teil tauchen die Entrückungen des Elia auf. Drei feurige Rosse ziehen den Ältesten der Propheten hinauf in den Himmel. Oberhalb dieser Vision, da, wo sich das Rot ins dunkle Blutrot verdichtet, sitzt im Blau der Prophet Jeremia, in sich gekehrt. All das Schrecklicke, das er gesehen hat, liegt hinter ihm. Er verharrt, wartet, den Blick in sich gerichtet, auf die Eingebungen und Befehle Gottes, die ihm ein dunkler, übermächtiger Vogel überbringt. Wie ein Schicksalsschlag oder Unglück stürzt sich dieser auf den schutzlosen Propheten. Jeremia kann nichts anderes, als im tiefen Blau seiner Gottestreue auszuharren. Er sieht keinen Ausweg, keinen Lichtstreifen am Horizont. Jeremia kauert sich zusammen wie ein Embryo im Mutterleib, in der Hoffnung, dass sich die Verheissungen aufs Leben einmal erfüllen werden. Ihm bleibt lediglich das Klagen.
Oben im Rundbogen steht kaum erkennbar Gott der Schöpfer, aus dessen Händen Geschöpf um Geschöpf hervorgeht. Juwelenartig tauchen Tier und Mensch in Blau, Rot, Gelb und Grün auf. Klar wie Diamanten, kostbar wie Edelsteine, strahlend wie Rubine und Smaragde. Das unendliche Füllhorn der göttlichen Schöpfung vermischt Chagall mit den Visionen, die Gott auf dem Thron sehen.
Heute sind Visionen rar geworden. Die Propheten scheinen ausgestorben: In der riesigen Informationsflut, die täglich neue Bilder von Leid, Krieg und Zerstörung übermittelt, bleibt nur ein hilfloses Achselzucken. Die Ohren werden mit Kopfhörer zugepropft. Der Blick richtet sich nicht mehr gegen den Himmel oder die Erde, sondern klebt auf dem Display des Smartphone. Die Existenz wird zum abgeschirmten Leben unter der Käseglocke des eigenen Egos. Nichts dringt hinein, nichts kann einen erschüttern. Katastrophen, Leid und Trauer werden analysiert, rationalisiert und schliesslich wegtherapiert und verarbeitet, als könnte man Tod, Schmerz und Verlust so einfach ungeschehen machen. Die Theologin Dorothee Sölle schrieb einmal, dass das Ignorieren von Leiden nichts anderes ist als Blindheit und dass die Abstumpfung uns dazu führt, das Leben aus dem Auge zu verlieren.
Gegen dieses Grau der Statistiken, Zahlen und Analysen setzt Marc Chagall das Rot seines Jakobsfensters. Das hell auflodernde Rot des Dornbusches, das Mose in der Wüste aufscheuchte. Das düstere, dunkle Rot des Blutes, mit dem die Israeliten ihre Hütten vor dem vorbeiziehenden Todesengel schützten, und das leidenschaftliche Rot des Heiligen Geistes, der über die ersten Christen in Jerusalem kam. Marc Chagall war klar, dass Leben nur mit diesen Rottönen möglich ist. «Wenn die Menschen aufmerksamer die Worte der Propheten lesen würden, so fänden sie dort den Schlüssel zum Leben», hielt er einmal fest.

Tilmann Zuber


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