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Als die Schweiz von Flüchtlingen überrannt wurde

01.01.2016
Ende des 17. Jahrhunderts zog ein Strom von 170'000 Flüchtlingen durch die Schweiz: verfolgte Hugenotten und Waldenser suchten Schutz in den reformierten Kantonen. Diese schlossen sich zur ersten koordinierten Flüchtlingspolitik zusammen. Seit kurzem erinnert ein markierter «Hugenottenweg» an das Flüchtlingsdrama.

Als im katholischen Frankreich der «Sonnenkönig» Ludwig XIV. aufstieg, zerschlug er den fragilen Religionsfrieden. Nicht einmal ein Jahrhundert hatte die Toleranz gegenüber der protestantischen Minderheit gedauert. Das Trauma, dass während der langjährigen Glaubenskriege in der Bartholomäusnacht im Jahr 1572 Tausende von Jean Calvin reformierte Hugenotten massakriert wurden, war noch nicht überwunden. Aber der absolutistische Herrscher kannte keine Gnade gegenüber der kleinen, synodal aufgebauten Kirche ohne bischöfliche Hie­rarchie. Wer als Protestant erkannt wurde, und nicht unter Zwang konvertierte, kam in den Kerker oder wurde auf die gefürchteten Galeeren geschickt.
Eine Viertelmillion Hugenotten, darunter viele wohlhabende und erfolgreiche, packten das Nötigs­te zusammen und suchten in den protestanti­schen Ländern Schutz. Ein riesiger Flüchtlingsstrom setzte sich in Bewegung. Alte, junge, ganze Fami­lien. Quellen berichten auch von elternlosen Kin­dern auf der Flucht.

Fluchtroute quer durch die Schweiz
Eine der wichtigsten Routen führte durch die Schweiz. Das kleine Genf war für die Flüchtlinge wichtige Pforte zur Freiheit. Die Calvinstadt beherbergte während rund zwei Jahrzehnten ständig vier- bis fünftausend Verfolgte. Weiter führte die Flucht nach Lausanne und Bern und von dort auf verschiedenen Routen nach Solothurn, Aarau, Basel, Zürich und Schaffhausen. Auf dem Weg trafen die Hugenotten Glaubensflüchtlinge aus dem Piemont: Auch die reformierten Waldenser wurden in Italien als Ketzer verfolgt.
«Die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung in den reformierten Städten war bewundernswert», sagt Historikerin Silvia Pfeiffer, welche die Flüchtlingssituation für die Stadt Schaffhausen in einer Broschüre aufgearbeitet hat. Denn die Städte platzten unter dem Ansturm aus allen Nähten. Zeitweise überstieg die Zahl der Flüchtenden diejenige der Bewohner. Trotzdem war die Solidarität mit den Schwestern und Brüdern im Glauben gross. Viele Einwohner mussten selbst schmal durch, vor allem in schlechten Erntejahren. Während sich in der Romandie und manchen Städten wie Bern Flüchtlinge niederlassen durften, versuchte man sie an den Grenzorten Basel und Schaffhausen nach Norden weiter zu schicken. Nicht aus Hartherzigkeit, sondern aus eigener Bedürftigkeit, so Silvia Pfeif­fer. Mancherorts, so in Schaffhausen, habe auch die Zunftordnung den Ankömmlingen verboten, einer Arbeit nachzugehen.

Erste gemeinsame Flüchtlingspolitik
Die Masse der Flüchtlinge brachte die reformierten Kantone an ihre Grenzen. Sie koordinierten sich und einigten sich auf eine gemeinsame Flüchtlingspolitik «wohl die erste kantonsübergreifende Flüchtlingspolitik in der Schweiz», sagt Pfeiffer. In den Staatsarchiven sind heute Personalausweise aufbewahrt, mit denen sich die Glaubensflüchtlinge ausweisen mussten. «Um zu verhindern, dass die Hilfeleistungen nicht Andersgläubigen oder Unwürdigen zugute kamen, wurden diese Attestate von den evangelischen Orten beschlossen und den Flüchtlingen am Eintrittsort in der Schweiz ausgehändigt», schreibt der Historiker Rudolf Uzler, der 1940 eine Dissertation «Schaffhausen und die französischen Glaubensflüchtlinge» verfasst hat. Die reformierten Orte errechneten auch einen Schlüssel, nach dem die öffentlichen Kosten gemeinsam getragen wurden.
Deutsche Länder, etwa die Mark Brandenburg, wünschten Flüchtlinge aufzunehmen. «Geschwächt durch den 30jährigen Krieg konnten sie Fachkräfte gebrauchen», so der Romanist René Specht, Leiter der Schaffhauser Bibliotheken. Obwohl viele darum baten, in der Schweiz bleiben zu dürfen, weil sie auf die Rückkehr in die Heimat hofften, mussten sie weiterziehen. Die Reise durchs katholische Süd­deutschland war gefährlich. So leisteten die Schweizer oft noch einen Begleitschutz.

Sie brachten das Uhrhandwerk mit
Trotzdem versuchten viele Hugenotten zu bleiben, und manchen gelang dies auch. Von ihrem Knowhow profitierte die Schweiz. Regionen wie Genf und der Neuenburger Jura erhielten wirtschaftlichen Anschub durch die Uhrenmanufakturen, welche die Flüchtlinge gründeten. Klingende Namen wie «Audemars Piguet», «Jaeger-LeCoultre» und «Longines» gehen auf hugenottische Manufaktu­ren zurück. Auch die Spitzenklöppelei brachten die Franzosen nach Neuenburg, ebenso wie die Seidenbandweberei nach Basel. Auch die Bankenfamilie Sarasin hat ihre Wurzeln in Frankreichs Protestantismus.

Ein europäischer Fernwanderweg
In Frankreich, Deutschland und Italien weist heute ein Fernwanderweg auf die ehemaligen Hauptrouten des Flüchtlingsstroms hin. Bis jetzt fehlt das Teilstück in der Schweiz. Damit dieses gleichfalls markiert werden kann, wurde die Stiftung «VIA Auf den Spuren der Hugenotten und Waldenser in der Schweiz» gegründet, mit dem Ziel, den Weg auch in der Schweiz zu dokumentieren. Bereits wurden erste Teilstücke im Kanton Genf und bis Morges eingeweiht. Anfang November weisen in Schaffhausen Veranstaltungen auf das Projekt hin. «Bis 2014 sind in Lenzburg, Zürich und Bern weitere Veranstaltungen geplant», sagt Urs Reinhard, Geschäftsführer von VIA. Bis dann soll der ganze Weg kartiert sein. «Wir würden gerne als Kulturroute des Europarates zertifiziert werden», sagt Reinhard. So dass Wanderfreudige auf den Spuren der Hugenotten und Waldenser von Frankreich oder Italien über die Schweiz nach Deutschland wandern und dabei vieles über die Geschichte dieser grossen Flucht erfahren können.




GEDENKVERANSTALTUNGEN
Auf den Spuren der Hugenotten in Schaffhausen


Ein künstlerischer Zeuge. Geführte Besichtigungen der Stuckdecke von 1687 im «Grossen Haus» (ca. 25 Minuten), mit René Specht; Samstag, 3. November, 15 Uhr und 16 Uhr, Fronwagplatz 24, Schaffhausen
Gedenkgottesdienst. Gottesdienst zum Reformationssonntag im Münster Schaffhausen, mit Abendmahl, mit Pfarrer Matthias Eichrodt vom Stadtverband der reformierten Kirchgemeinden, Pfarrer Christoph Waldmeier von der Eglise réformée française und Pfr. Kristin Rossier Buri vom Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund, mit Chören «La Capella» und «Les Messagers», Sonntag, 4. November, 10.15 Uhr
Geführte Begehung des Hugenottenweges zwischen Schaffhausen und Thayngen. Mit Werner Vogel, Kartograph Stiftung VIA;
4. November, 13.15 Uhr, Post Schaffhausen-Herblingen (Bus Nr. 5 ab Bahnhof), 15.30 Uhr Treffen mit einer deutschen Delegation in Thayngen, Ende ca. 16.30 Uhr. Anmeldung: rene.specht@stsh.ch




Zum Bild: «Die protestantischen Flüchtlinge» von Albert Anker, gemalt 1886, Privatbesitz. Das Drama der Hugenotten und Waldenser beeindruckte den Maler noch hundert Jahre später.

Barbara Helg

Links:
Weitere Informationen: www.ref-sh.ch


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