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Aus dem Blickwinkel der Schwachen

01.01.2016
Was dürfen Karikaturen und was nicht? Seit der Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen im Namen der Meinungsfreiheit, reisst die Diskussion nicht ab.

«Wenn wir über die Funktion des Bildes in der Religion im Generellen sprechen, dann sprechen wir immer auch über einen Herrschaftsdiskurs», leitet Kirchenratspräsident Lukas Kundert seine Überlegungen ein. «Die Karikatur im Besonderen übt in der Regel aus der Sicht der Schwächeren Kritik an den Mächtigen», stellt er fest. «Sie wiederspiegelt also eine klare Hierarchie von unten nach oben. Wenn diese Hierarchie eingehalten wird, dann darf die Karikatur beissend sein und Gefühle verletzen auch religiöse.
Das war schon in Zeiten der Reformation nicht anders als heute». Lukas Kundert hält explizit fest, dass jede Karikatur in irgendeiner Form Gefühle verletze. Das sei aber erlaubt, wenn es aus der Warte der Schwächeren erfolge.

Eine Frage der Wahrnehmung
Treffe indes das Gegenteil zu, dann seien Grenzen gesetzt. Lukas Kundert: «Wenn die Mächtigen sich der Karikatur bedienen, um die Schwächeren zu stigmatisieren, wie im 19. und 20. Jahrhundert die Karikatur gegen Jüdinnen und Juden eingesetzt wurde (wie heute noch im Iran), dann hat die Karikatur ihr Wesen verloren.
Oder wie im Fall der Mohammedkarikaturen, wo zuerst eine populistische Zeitung gegen Immigranten hetzte, worauf mit denselben Karikaturen Regierungen aus der muslimischen Welt antidänische und antiwestliche Wut inszenierten. Einen zweiten Aspekt bringt Kundert ins Spiel: Welches Bild haben Christen, beziehungsweise Muslime von ihren Religionsführern Christus und Mohammed? Kundert ist der Meinung, dass im Christentum in den vergangenen zwei Jahrhunderten zunehmend ein historisiertes Bild von Jesus gepflegt wurde. «Das heisst, dass auch die darstellende Kunst ihr Bild Jesu auf die historische Zeit seines irdischen Lebens beschränkt. Zwischen Jesus und vielen von uns hat sich ein historischer Graben geöffnet.»
So sei vor der Aufklärung der auf dem See wandelnde Jesus problemlos in der Ambience des Genfersees gemalt worden. Heute wandle er in der Regel aber historisch richtig über den See Genezareth. «Was aber ist geschehen?» fragt Kundert. «Die biblischen Geschichten, die dem voraufklärerischen Menschen direkt in sein Le­ben reichten, wurden von ihm entfernt. Ein Gewinn und Verlust zugleich». Der Verlust liege darin, dass man sich den noch heute präsenten Christus im eigenen Leben ganz neu erschliessen (lassen) müsse. Der Gewinn aber liegt darin, die eigene Idee sowohl einerseits vom historisch Vergangenen als auch andererseits von der gegenwärtigen Wirklichkeit zu trennen.
«Humor in der Religion zeigt der Religion auf, wo ihre Wirklichkeit an den eigenen Ideen scheitert», sagt Kundert. Das aber zuzulassen, dazu sei der oben angesprochene, von der Aufklärung ausgehobene «historische Graben» unabdingbar.

Franz Osswald


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