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Auslaufmodell oder unterwegs zu neuen Zielen?

01.01.2016
Haben kirchliche Frauenvereine noch eine Zukunft? Die Präsidentin des evangelisch-reformierten Frauen­vereins March, Heidi Mynall, stellt die Gretchenfrage.

Manchmal würde Heidi Mynall am liebsten alles hinwerfen: Dann, wenn die Präsidentin des evangelisch-reformierten Frauenvereins March mal wieder einen Freizeit-Anlass organisiert hat und praktisch nur der Vorstand erscheint. «In solchen Momenten frage ich mich, ob wir überhaupt noch gebraucht werden.» An Mitgliedern mangelt es dem Verein zwar nicht zumindest nicht auf dem Papier. In der March sind automatisch alle evangelisch-reformierten Frauen Mitglied. «In der Realität beschränkt sich das allerdings auf die fünf Vorstandsfrauen und einen engeren Kern von etwa 15 Aktiven.» Die Altersstruktur liegt bei 50 bis 70 Jahren. «Die jungen Frauen zum Mitmachen zu gewinnen ist schwierig, von der Vorstandsarbeit ganz zu schweigen», so Heidi Mynall.

Aufgaben gesucht
Neben aktiven Mitgliedern fehlt es dem Verein, der in diesem Jahr 90-jähriges Bestehen feiert, auch an Betätigungsfeldern. Viele Angebote, welche der Verein einst initiiert hat, wurden mittlerweile vom Sozialdiakonischen Dienst der Kirchgemeinde übernommen: zum Beispiel die Seniorenausflüge oder die Besuchsdienste. «Natürlich freut man sich in der Gemeinde, wenn wir den Brunch beim Neuzuzüger-Apéro organisieren oder die Bewirtung bei Suppentag machen doch kann das ja nicht alles sein», findet Heidi Mynall.
Vor einigen Jahren holte sie darum im Namen des Frauenvereins die Lebensmittel-Verteilaktion «Tischlein Deck Dich» in die March. «Für dieses Projekt mangelt es uns nicht Helfern», so die Präsidentin, «es ist mittlerweile fast ein Selbstläufer.» Vermutlich falle es den Menschen leichter, sich punktuell zu engagieren, als dauerhaft in einem Verein mitzumachen. «Wo ist also unsere Nische?», fragt sich Heidi Mynall. Geld zur Verwirklichung von Projekten sei durchaus durch Spenden vorhanden.

Frauenvereine als wichtige Wegbereiter
Der schwierige Weg der Neuausrichtung ist auch den Evangelischen Frauen Schweiz, EFS, der Dachorganisation der reformierten Frauenvereine, bekannt. Viele Vereine sind überaltert, weiss Eva-Maria Fontana-Hübner, Co-Präsidentin EFS. Hinzu komme, das viele der gemeinnützigen Aufgaben «sogenannt professionalisiert» würden. «Wobei ausser Acht gelassen wird, wie professionell Frauen über 100 Jahre in den Vereinen gearbeitet haben und zu Wegbereiterinnen für politische und Kirch-Gemeinden wurden.»
Auch der Frauenverein der March widmete sich von 1928 bis 1987 der Krankenpflege, eine Aufgabe, die später die Spitex übernahm. Heute, bestätigt Eva-Maria Fontana, stehen gemeinnützige Frauenvereine vermehrt unter dem Druck der Konkurrenz von kommerziellen Anbietern. Zudem würden Anforderungsstandards aufgestellt, die oft nicht mehr erfüllt werden können.

Reformierte arbeiten, Katholikinnen hüten Kinder
Bei den kirchlichen Frauenvereinen zeige sich ein sehr buntes Bild, berichtet Eva-Maria Fontana. Aus ihrer Erfahrung sieht die Lage bei den katholischen Vereinen noch besser aus als bei den reformierten: «Im katholischen Umfeld ist immer noch mehr üblich, dass junge Frauen mit Kindern die Berufsarbeit aufgeben. Reformierte gehen eher Teilzeit arbeiten und sind so ausgefüllt.»
Wie sieht nun aber die Zukunft der Frauenvereine aus? Eine Möglichkeit sei der Zusammenschluss der verschiedenen Frauenvereine, insbesondere der konfessionellen, in einem Ort. Allerdings seien Fusionen aus den unterschiedlichsten Gründen nicht überall machbar, so Eva-Maria Fontana.

Ökumenischer Zusammenschluss als Chance für Neubeginn
Ein funktionierendes Beispiel einer Fusion im Kanton Schwyz ist der Frauenverein Brunnen. Er entstand 2004 aus dem Zusammenschluss der drei Vereine Frauenverein Brunnen, Evangelisch-Reformierter Frauenverein Brunnen und der Frauen- und Müttergemeinschaft Brunnen. Seit dem Zusammenschluss zählt der Verein 500 Mitglieder. Warum funktioniert es gemeinsam besser als vorher? «Mit dem Zusammenschluss der drei Vereine wollten wir Kräfte bündeln. Auch können wir in unserer Gemeinde als grössere Kraft auftreten», erklärt Co-Präsidentin Ursina Albrecht. «Aber auch wir standen vor der Herausforderung, neue Betätigungsfelder zu suchen.» Neben der Veranstaltung von gesellschaftlichen Anlässen wie Vorträgen und Ausflügen, engagiert sich der Brunner Frauenverein mittlerweile stark im Bereich Kinder und organisiert bespielweise einen «Chinderträff» oder Kleiderbörsen.
«Auch die Ökumene hat einen wichtigen Stellenwert erhalten», berichtet Ursina Albrecht. «Von den Frauen unserer Gemeinde wurde ein klares Zeichen gesetzt: Schwellenängste wurden überwunden und die Zusammenarbeit der verschiedenen Konfessionen vorangetrieben.»
Auf der Suche nach neuen Aufgaben «halten wir die Augen offen und engagieren uns spontan dort, wo Not an der Frau ist», erklärt die Brunnerin. So entstünden immer wieder neue Kontakte. «Wir sind in der Gemeinde präsent und können so vielleicht auch jüngere Frauen motivieren, sich neben Beruf und Familie ehrenamtlich für die Gemeinschaft einzusetzen», so Ursina Albrecht.
Neue Impulse und Kontakte wünscht sich auch Heidi Mynall für den Frauenverein March. «Ich bin offen für alle Ideen», erklärt sie. Denn eines möchte sie für den Frauenverein sicher nicht dass er einen langsamen Tod stirbt. «Dann lieber ein klarer Schlussstrich.»



Wie sieht der Frauenverein der Zukunft aus?
Ideen und Anmerkungen nimmt Heidi Mynall gern entgegen: Sonnenhofstrasse 11, 8853 Lachen, E-Mail: heidi.mynall@bluewin.ch

Annette Meyer zu Bargholz


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