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Ökumene 2012: Aufbruch oder Abbruch?

01.01.2016
50 Jahre zweites vatikanisches Konzil: An einer Podiumsdiskussion rangen Gottfried Locher, Präsident des Evan­gelischen Kirchenbundes, und Kardinal Kurt Koch um ein gemeinsames Ziel.

Herr Kardinal, Sie betonen immer wieder, wie die Päpste die Ökumene ernst nehmen. Mit Verlaub, das wird anders wahrgenommen, wenn Benedikt XI. in «Dominus Jesus» festhält, die reformatorischen Kirchen seien keine Kirche im eigentlichen Sinne.
Kurt Koch: Die Aussage in «Dominus Jesus» besagt im Grunde nichts anderes, als dass uns die verschiedenen Kirchenverständnisse trennen. Die ins Deutsche übersetzte Formulierung «Die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen seinen nicht Kirchen im eigentlichen Sinne» ist unglücklich. «Eigentlich» ist ein schwieriges Wort. Denn es wendet die Aussage ins Gegenteil. Wenn eine Mutter erklärt, eigentlich dürfte das Kind nicht fernsehen, so erlaubt sie dem Kind «eigentlich» das Fernsehschauen. Tatsache ist, dass reformierte Christen ihr Kirchensein anders als wir verstehen.

Gottfried Locher: Ich teile diese Ansicht. Ich hoffe, dass man auch auf reformierter Seite sieht, dass zwischen der katholischen und reformierten Kirche Unterschiede bestehen, die nicht durch ständiges Ignorieren beseitigt werden. Diese Unterschiede sind gross.

Zugegeben. Doch die meisten verstehen nicht, warum die Kirchen da so grosse Schwierigkeiten miteinander haben.
Gottfried Locher: Zunächst gilt festzuhalten, was alles geglückt ist. In den letzten 50 Jahren hat sich in der Ökumene viel bewegt. Es sind Dinge in unserem Land möglich geworden, die 450 Jahre lang nicht vorstellbar waren. Katholiken und Reformierte geben heute an den verschiedensten Orten gemeinsam Zeugnis: In der Schule etwa, wo wir die gleichen Werte und Umgangsformen zwischen Mann und Frau vertreten, die uns von anderen Religionen unterscheiden.

Für viele Kirchenmitglieder ist Ökumene kein Thema. Wie kann man jungen Menschen erklären, warum die Ökumene wichtig ist?
Kurt Koch: Weil es dazu keine Alternative gibt. Im ersten Abschnitt des Ökumenismus-Dekrets heisst es, «Christus der Herr hat eine einige und einzige Kirche gegründet». Dem gegenüber steht der Fakt, dass es unzählige Kirchen gibt. Wenn wir die Grundüberzeugung haben, dass Christus und sein Leib engstens zusammengehören, dann können wir nicht anders, als in dieser Einheit zu reden und zu leben.

Gottfried Locher: Lieber Kurt, wenn ich in meiner Studierstube sitze, dann rede und lebe ich genau das, was du sagst. Doch ich sehe unser Sprachproblem. Wie soll ich einem Teenager erklären, ich mache Ökumene, weil es der Wille des Herrn ist? Wie soll ich ihm erklären, dass es nötig ist, den Schatz beim anderen zu bergen, da es sein Leben bereichern und er dort Sinn finden kann? Wir müssen eine Sprache für jene entwickeln, mit denen wir eine Verantwortung teilen und für die wir Verantwortung tragen. Lieber Kurt, mir fällt in diesem Zusammenhang dein so weises Wort ein, als du gefragt wurdest, auf welcher Seite sitzt der Bischof? Auf der Seite der Gemeinde oder auf der Seite Roms? Und du sagtest: Fragt doch einmal eine Brücke, auf welcher Seite sie steht? Brücke zu sein, betrifft auch die Sprache.

Vor 50 Jahren begann das 2. Vatikanische Konzil. Welche Forderungen des Konzils müssen heute umgesetzt werden?
Kurt Koch: Das Grundsatzprogramm des Zweiten Vatikanischen Konzils lautet: «Die Kirche unter dem Wort Gottes feiert die Geheimnisse Christi zum Heil der Welt.» Das Konzil sagt, Kirche stehe und falle mit der Liturgie. Kirche sei in erster Linie Gottesdienst. Ich glaube, dies hat sich noch nicht in der katholischen Kirche herumgesprochen, wenn man auf eine Gottesdienstbeteiligung von 10 Prozent schaut. Heute befinden sich alle Kirchen in derselben Situation, dass sie nicht mehr verstanden werden. In der frühen Kirche hatte man eine dreijährige Vorbereitung auf die Sakramente.

Gottfried Locher: Ich stimme da zu. Wir haben in den Kirchen ein Sprachproblem. Viele Menschen, können mit dem, was in den Kirchen gesagt wird, nichts anfangen. Auf beiden Seiten herrscht grosse Ratlosigkeit. Die zentrale Frage lautet: Gelingt es uns, in die Lebenssituation von heute hineinzusprechen? Gelingt es uns zu zeigen, dass die Menschen im Gottesdienst Energie für ihren Alltag gewinnen können und Neues entstehen kann? Wenn wir so etwas wie Wandlung erleben wollen, müssen wir das Abendmahl feierlich gestalten, es zu einer Art Kraftort machen, zu einem Energiewandler. Unsere Kirchen sollen fröhlicher Abendmahl feiern. Es darf kein Anhängsel sein.

Gottfried Locher, Sie wollen das Abendmahlsverständnis unter dem Gesichtspunkt der Wandlung vertiefen.
Gottfried Locher: Wir haben den Hang, das Wort Gottes entweder zu intellektualisieren oder zu sakramentalisieren. Die Kunst besteht darin, das Wort Gottes in beiden Dimensionen zu erleben. In der protestantischen Kirche erfolgt die Wandlung durch das Wort, bei den Katholiken durch das Sakrament. Beides gehört zusammen. Reisst man sie auseinander, so fehlt etwas im Kirchensein. Das Fehlende prägt das Kirchensein und Kirchenbild fundamental.

Wie weit kann die eucharistische Gastfreundschaft gegenseitig gelebt und vertieft werden?
Kurt Koch: Meine gosse Sorge ist, dass wir schon heute eucharistische Gemeinschaft pflegen und meinen, wir hätten das Ziel in der Ökumene erreicht. Mein Leiden in der Ökumene besteht darin, dass wir gar nicht mehr unter der Trennung des Leibes Christi leiden. Wir haben den Eindruck, wenn wir uns so gegenseitig Anteil schenken, das erreicht zu haben, was wir wollen. Das kann nicht sein. Wir brauchen mehr Einheit im Leib Christi, damit wir auch die eucharistische Einheit feiern können. Wir brauchen keine Tranquilizer, sondern Pillen zur Beunruhigung.

Was tun Sie für die Einheit der Kirchen?
Kurt Koch: Der Papst hat mir den Auftrag gegeben, für die Einheit der Kirchen zu wirken, für sie zu werben und das Positive zu sehen. Wir haben die Einheit noch nicht erreicht, aber ein grosses Netz an ökumenischen Freundschaften gespannt. Der Volksmund besagt «Wer nur England kennt, kennt England nicht.» Dieses Sprichwort würde ich auch auf die Kirchen übertragen. Man muss den anderen kennenlernen, um sich selbst besser zu kennen. Das Geheimnis der Ökumene heisst für mich: Es gibt keine Kirche, die so reich wäre, dass sie der Bereicherung durch andere nicht bedürfe. Und es gibt keine Kirche, die so arm wäre, dass sie nicht einen Beitrag leisten könnte zum grösseren Ganzen. Jede Kirche und kirchliche Gemeinschaft hat ihr besonderes Charisma wie auch die Versuchung, dieses Charisma zu pervertieren. Wir müssen uns gegenseitig unterstützen, das Charisma zum Leuchten zu bringen und die Perversion möglichst wenig zu zelebrieren.

Gottfried Locher, was tun Sie zur Einheit der Kirchen?
Ich versuche, den Kirchen Mut zu machen. In uns allen steckt das Ebenbild Gottes. In uns allen steckt die Möglichkeit, Kirche zu verändern und weiterzubringen. Es braucht uns alle: Den Kardinal, der leitet, den Journalisten, der kritisiert, die Basis, die Neues versucht und die Pfarrerinnen und Pfarrer, die den Alltag gestalten. Jeder trägt etwas dazu bei. Dazu möchte ich ermutigen. Neben all dem Tun scheint mir etwas anderes wichtiger: Das Nicht tun. Alles beginnt beim Nicht tun, beim Loslassen, sich Hingeben und zu wissen, erst kommt eine Gnade, die mich wandelt, so dass ich den Vorgang nicht behindere.



Die Voten von Gottfried Locher, Präsident
des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, und Kardinal Kurt Koch, stammen aus einer Podiumsdiskussion, zu der die Fokolarbewegung der Schweiz Mitte November eingeladen hatte. Podiumsleitung: Beatrix Ledergerber-Baumer.

Links:
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