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Zu Besuch im ersten Schweizer Krippenmuseum

01.01.2016
Das erste Krippenmuseum der Schweiz steht seit einem Jahr in Stein am Rhein. Ob das Christkind schwarz ist oder Mandelaugen hat: Immer ist es für die Ärmsten zur Welt gekommen.

Manchmal steht man vor Ehrfurcht still. Etwa vor dem Stall, den KZ-Häftlinge aus Holzstücken ihrer Baracken hergestellt haben. Trotz oder gerade wegen ihrer grossen Not haben sie die Ankunft des Erlöserkindes gefeiert und sich für die Herstellung von Maria, Josef und dem heiligen Kind Brotreste vom Mund abgespart. Diese sind nicht mehr da, sagt der Krippensammler Alfred Hartl. Als diese Krippe während Jahren auf einem Estrich aufbewahrt wurde, haben Mäuse die Figuren gefressen.

Fenster auf die Welt
Hartl hat katholische Theologie studiert und sammelt seit seiner Kindheit Krippen. Zusammen mit der gleichfalls von Krippen begeisterten Monika Amrein hat er das Museum «Krippenwelt» im Schaffhauser Städtchen Stein am Rhein eingerichtet. Im Altstadthaus drängen sich die über 400 Exponate auf zwei Etagen. Die Krippen aus der ganzen Welt erzählen alle eine Geschichte. «Als ob jede Krippe ein Fenster öffnet auf die Situation der Menschen, die sie herstellten», sagt die Steiner Pfarrerin Johanna Tramer, die den Kirchenboten beim Museumsrundgang begleitet. In der Karibik etwa ist Jesus just nach einem zerstörerischen Hurrikan zur Welt gekommen. Noch sieht man Trümmer und ein Boot steckt aufgespiesst auf einem Felsen. Aber vor dem Stall mit dem göttlichen Kind findet schon wieder buntestes Markttreiben statt.

Überall strömen die Aussenseiter zur Krippe
Gibt es auch Gemeinsames? «Natürlich», sagt Johanna Tramer. Beeindruckend sei, wie die Hoffnungsgeschichte im Kern überall gleich erzählt werde: Die Krippe als Symbol der Armut und als Indiz, dass Jesus für die Ärmsten und die Aussenseiter gekommen sei. Überall sei eine starke Bewegung festzustellen: Menschen und Tiere verlassen die Alltagsroutine, strömen herbei, schenken etwas Wertvolles. «Die Geburt setzt etwas in Bewegung.»
Jede Krippe erzählt in ihren Details noch weitere Geschichten. Eine zeitgenössische Krippe aus Mali, gefertigt von Jugendlichen, besteht aus Metallschrott von Insektensprays. Überhaupt haben die afrikanischen Krippen eine spezielle Dimension: «Krippen, die statt ein weisshäutiges ein schwarzes Jesuskind zeigten, waren eine zeitlang von der katholischen Kirche verboten», so der Sammler Hartl. So war ein schwarzes Jesuskind allein schon eine Darstellung der Weihnachtsbotschaft.
Wer sich über die nonverbale Geschichte, die jede Krippe erzählt, hinaus für Hintergründe interessiert, ist gut beraten, sich für eine Führung anzumelden. Kleine Schilder weisen zwar auf Herkunftsland oder Entstehungsjahr hin, aber die interessantesten Informationen erhält man mündlich. «Für eine ausführliche Beschilderung sind wir noch an der Arbeit», sagt Monika Amrein.

Auf dem Sklavenschiff
Nachhaltigen Eindruck hinterlässt auch das in Tansania geschnitztes Sklavenboot. Zwischen diesen angeketteten Menschen, die man ihrer eigenen Existenz beraubt hat, stehen Engel. Sie zeigen auf die Geburt Jesu, die sich gerade mitten unter den Sklaven ereignet. Deutlicher kann die Weihnachtsbotschaft kaum ausgedrückt werden.



«Krippenwelt», Oberstadt 5, Stein am Rhein




Leseraktion
Der Kirchenbote bietet am Donnerstag, 13. Dezember, 14 Uhr, eine Führung durch das Krippenmuseum in Stein am Rhein an. Kosten:
10 Fr. Eintritt, die Führung bezahlt der Kirchenbote. Anmeldung bis 7. Dezember an sekretariat@kirchenbote.ch, Telefon 061 205 00 20 (Platzzahl beschränkt)

Barbara Helg


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