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«Als Christ trage ich diesen Ort im Herzen»

01.01.2016
Samir Baboun geleitet Pilger und Touristen zu den heiligen Stätten des Christentums. Weil eine Mauer Bethlehem von Jerusalem trennt, ist das Leben für einen christlichen Reiseführer nicht einfach.

Die christlichen Wurzeln seiner Familie in Bethlehem liessen sich bis ins Jahr 1626 nachweisen und gingen wahrscheinlich noch weiter zurück, erzählt Samir Baboun. Er ist katholischer Palästinenser und arbeitet als selbständiger Reiseführer neben Bethlehem in den biblischen Stätten Ramallah, Nablus, Hebron und Jericho. Auch das sei eine Familientradition. Seine Vorfahren hätten seit jeher Touristen durch das Heilige Land geleitet: «Ich bin mit diesem Löffel im Mund geboren», zitiert er ein arabisches Sprichwort.
Heute führt Samir Baboun vor allem deutsch- und englischsprachige Gruppen. Er hat in Chicago und Jerusalem studiert und in München eine Weile gearbeitet. Ausserdem spricht er Arabisch, Französisch, Hebräisch, Italienisch und er versteht Griechisch, Spanisch sowie Armenisch, die Muttersprache seiner Frau.
Bethlehem lebt zu achtzig Prozent vom Tourismus. Die Höhle, in der Jesus der Überlieferung nach zur Welt kam, macht Bethlehem zu einer der wichtigsten heiligen Stätten des Christentums. Seit mehr als 1600 Jahren steht über dem Ort eine Kirche. Die Geburtskirche gilt als die älteste christliche Kirche der Welt, die bis heute ohne Unterbruch genutzt wird. Zehntausende Christen aus aller Welt haben auch letztes Jahr das Weihnachtsfest dort gefeiert.

Der Ursprung des Christentums
Samir Baboun ist mit der Geburtskirche vor Augen aufgewachsen. In der Krypta spüre man ihre Heiligkeit: «Es ist der Ort, von wo das Christentum seinen Anfang genommen hat. Manche nehmen die heiligen Stätten für selbstverständlich. Doch es gibt Orte, die trägt man als Christ in seinem Herzen.» Die Geburtsstätte von Jesus gehört dazu. Fremden sein Land zu zeigen und ihnen etwas über dessen Geschichte zu erzählen, ist für Samir Baboun nicht bloss Beruf, sondern Leidenschaft.
Die Pilgergruppen mag er am liebsten. Es seien unkomplizierte, bescheidene Menschen, die den Spuren von Jesus folgten und die biblischen Geschichten aus dem Neuen und Alten Testament hören möchten.
Die Touristen wollten mehr allgemeine Informationen über das Land erhalten. Auch sie interessierten sich für die heiligen Stätten, wünschten sich aber zusätzliche Ausflüge in die Wüste oder zum Baden. Allen versucht Samir Baboun zu erklären, «wie wundervoll die heiligen Orte sind». An manchen Tagen stehen Hunderte an, um einen Blick in die Geburtskirche zu erhaschen. Wenn sie sich beklagen, «erinnere ich sie daran, dass sie durch das lange Warten noch länger am Ort verbringen dürfen, wo Jesus geboren wurde.»
Samir Baboun besucht die Geburtskirche, wann immer er Zeit hat: «Ich sitze draussen und lese oder gehe hinein, spreche mit den Priestern und Mönchen und bete.» In seiner Geburtsstadt Bethlehem fühlt er sich wohl. Hier hat er sich mit seiner Familie niedergelassen, obwohl das Leben nicht ganz einfach sei.

Keine Bewilligung von Israel
Seit 2006 ist er als Touristenführer für ganz Palästina lizenziert. Gerne würde er auch Pilger und Touristen zu den heiligen Stätten in Jerusalem führen. Doch die israelische Mauer trennt Bethlehem von Jerusalem. Die Bewilligung für den Grenzübertritt erhält er nicht. Er bedauert das sehr, denn die Nachfrage nach christlichen Reiseführern sei gross.
Er wisse, dass die Kirchen in Europa viele Mitglieder verlieren, sagt Samir Baboun. «Unsere Gemeinschaft hingegen hält zusammen und zur Kirche. Ich möchte alle ermutigen, ins Heilige Land zu kommen.»

Karin Müller



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