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«Unser Beruf lebt davon, dass wir unser Herz auftun»

01.01.2016
Christoph Moser begleitet seit 1980 als Krankenhaus-seelsorger am Kantonsspital Luzern Kranke und Sterbende. Jetzt geht der 65-jährige Berner in den Ruhestand und blickt auf ein bewegtes Berufsleben zurück.

Herr Moser, als Krankenhausseelsorger sind Sie 32 Jahre lang fast täglich mit Leid, Krankheit, familiären Schicksalen und dem Tod konfrontiert worden. Trotzdem wirken Sie zufrieden. Wie schaffen Sie das?
In einem Spital gibt es nicht nur den Tod, sondern auch viel Leben. Neben den kranken Menschen, die zu besuchen unsere Hauptaufgabe ist, treffen wir viel mehr Gesunde das Personal, die Angehörigen. Da gibt es auch viele fröhliche Begegnungen.

Aber nahm Sie das Leid der Patienten oder Angehörigen nicht manchmal mit?
Doch, sicher. Unser Beruf lebt davon, dass wir unser Herz auftun und es nicht nur sachlich entgegennehmen, wenn uns jemand von seinem Leid, seiner Trauer oder Wut erzählt. Es bedeutet, dass man auch ein Stück «berührt» wird. Es ist eine Balance zwischen Einlassen und Abgrenzen.

Welche Schicksale begegneten Ihnen bei Ihrer Arbeit?
Was mich immer sehr berührt hat, ist der Tod eines Kindes. Auch Grossereignisse mit vielen Verletzten, wie der Absturz des Highflyers im Verkehrshaus vor einigen Jahren, wirken nach.

Wie gelingt es Ihnen, die Angehörigen oder Patienten zu trösten?
Es gibt keine Rezepte. Ich versuche zunächst, die Menschen behutsam kennen zu lernen, zu spüren und zu fragen, was ihnen hilft. Je nachdem wo sie religiös beheimatet sind, äussern sie vielleicht den Wunsch nach einer Taufe, einem Gebet oder einem Segen. Das dränge ich aber niemanden auf. Manche sind auch einfach nur froh über jemanden, der Zeit hat. Im richtigen Moment kann ein religiöses Ritual aber etwas sehr Tiefes und Wunderbares sein.

Welche Rolle spielt die Konfession bei ihren Gesprächen? Im Pikettdienst treffen Sie ja auch auf Katholiken?
Ich stelle mich immer als reformierter Pfarrer vor und meistens sind die Familien froh, dass überhaupt jemand kommt. Nur bei älteren, streng katholisch geprägten Patienten, wünschen die Angehörigen sich manchmal einen katholischen Priester für die Krankensalbung. Dann versuchen wir auch, jemanden zu finden.

Das ist aber nicht immer möglich?
Nein. Einmal wurde ich zu einem sterbenden katholischen Priester gerufen. Bei ihm war seine Haushälterin, die um die Krankensalbung bat. Ich erklärte, es sei Montag, also Pfarrersonntag, und ich wüsste nicht, ob ich schnell jemanden finden könnte. Der Arzt gab dem Patienten aber nur noch eine Stunde was also tun? Wir haben dann zusammen ein Unservater gebetet und der Mann ist friedlich gestorben. Im Gespräch mit der Haushälterin stellte sich dann heraus, dass der Priester lange im Berner Oberland tätig gewesen war und dort gute Kontakte zum reformierten Pfarrer hatte. Das war ein schöner Zufall und es hat «gepasst».

1980 haben Sie als erster vollamtlicher reformierter Krankenhausseelsorger, angestellt von der Kantonalkirche, in Luzern angefangen. Wie hat sich Ihr Beruf in den Jahren verändert?
Als ich begann, waren viele Schlüsselstellen im Spital, wie die Stationsleitungen, noch durch katholische Spitalschwestern besetzt. Die Zusammenarbeit war für mich schön und unkompliziert. Allgemein existierte noch eine grössere Bindung der Menschen an ihre Kirche. Auf meinem Namensschild stand ganz selbstverständlich «Pfarrer Moser» heute steht dort mein Name mit dem Zusatz «Seelsorge und Care Team». Titel, auch bei den Ärzten, sind heute weniger wichtig. Zum Dienst ging ich in den Anfangsjahren auch nicht im bunten Hemd wie heute, sondern im Veston mit Krawatte. Heute interessiert es nicht ob ich Pfarrer, sondern ob ich vertrauenswürdig bin.

War es früher einfacher, mit den Menschen in Kontakt zu kommen?
Heute morgen bin ich bei fünf verschiedenen Patienten gewesen umsonst! Der eine bekam einen Anruf, der zweite war daheim Sachen erledigen, der dritte musste zur Untersuchung... Angebot ohne Nachfrage denkt man dann. Kurze Zeit später rief mich eine Stationsleitung an, weil sie eine komatöse Patientin nicht ohne Beistand lassen wollte und die Angehörigen der Sterbenden erst noch anreisten. Dann spüre ich, gebraucht zu werden.

Wird Ihnen dieses Gefühl im Ruhestand nicht fehlen? Haben Sie Pläne gemacht?
In den berühmten «Unruhestand» möchte ich nicht kommen. Einen Halbtag pro Woche werde ich aber in der Zwitscherbar, dem neuen niederschwelligen Seelsorgeangebot im Lukaszentrum, helfen. Ich werde wohl Gottesdienstvertretungen machen und dann habe ich auch noch drei Enkel, mit denen ich gern Zeit verbringen möchte.




Seelsorge im Kantonsspital
Ab Dezember übernimmt Pfarrer Philipp Aebi die Nachfolge von Christoph Moser im Kantonsspital Luzern. Die reformierte Spitalseelsorge umfasst dort 150 Stellenprozente, verteilt auf zwei Personen. Fünf katholische Seelsorgende teilen sich 400 Stellenprozente.

Annette Meyer zu Bargholz


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