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Damit Sterbende nicht allein bleiben

01.01.2016
Freiwillige begleiten in der Region Schaffhausen Kranke in der letzten Lebensphase. Mit einem Ausbildungsangebot wird im nächsten Frühjahr Nachwuchs rekrutiert.

Wenn Angehörige von Schwerkranken und Sterbenden ans Ende ihrer Kräfte gelangen, läutet bei Hedi Huber von der «Vereinigung zur Begleitung Schwerkranker» das Telefon. Oft ist es die Spitex: Pflegende erkennen, wenn Angehörige eine Entlastung brauchen. Hedi Huber koordiniert bei der «Vereinigung zur Begleitung Schwerkranker» die Einsätze. Hin und wieder leistet sie noch selbst einen Einsatz. Sie sagt: «Unsere Freiwilligen gehen zum Beispiel einen Morgen in der Woche zu einer schwer krebskranken Patientin nachhause, damit der betreuende Ehemann etwas für sich tun kann. Oder wir kommen über Nacht, damit eine Ehefrau ein paar Stunden schlafen kann.» Manche Einsätze dauerten ein oder zwei Nächte, aus anderen entwickelten sich längere Begleitungen.

Elisabeth Kübler-Ross
Die «Vereinigung zur Begleitung Schwerkranker und Sterbender» besteht seit bald 15 Jahren. Präsidentin Regula Schmucki sagt: «Unsere Organisation ist unter anderem aus dem Gedankengut der Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross entstanden.» Die Schweizer Ärztin, die in den USA lebte, setzte sich dafür ein, dass Sterbende Anteilnahme und individuelle Betreuung erhalten. Sie und ihre Angehörigen sollten in dieser Phase Unterstützung finden. «Dies kann die Pflege in Spital und Spitex nicht leisten, dazu fehlt oft die Zeit», sagt Regula Schmucki, die selbst in der direkten Pflege tätig war. Nicht zuhause, sondern am Spitalbett werden Kranke von den freiwilligen Helferinnen und Helfern der «Sitzwache der Spitalseelsorge» begleitet. Die Gruppe wurde 1981 gegründet. Die Spitalseelsorge der Landeskirchen koordiniert die Einsätze in Kantonsspital oder Pflegeheim und unterstützt die Begleitungen. Diese Hilfe wird meist in der Nacht benötigt. «Es geht darum, jemandem in einer schweren Zeit als Mitmensch nahe zu sein», sagt Spitalseelsorger Andreas Egli. Das Dasein eines Menschen mache vieles leichter, etwa in einer Zeit der Unruhe oder Angst. «Auch dieser Dienst unterstützt ebenso sehr die Angehörigen», erklärt der Pfarrer. Wer längere Zeit einen Patienten allein begleite, laufe Gefahr, aus Erschöpfung selber krank zu werden. Zudem gebe es Patienten ohne Angehörige und Freunde in der Nähe.
Ein Einsatz am Sterbebett ist nicht einfach. «Das Zentrale ist, dass man sich ganz auf die Begegnung mit einem Menschen und seinen momentanen Bedürfnissen einstellen kann», sagt Andreas Egli. «Möchte der Sterbende sprechen? Wünscht er eine Hand, die die seine hält?» Dies gelte es oft anhand von nonverbalen Signalen herauszufinden. Die freiwillige Helferin Hedi Huber sagt: «Man muss einen guten Kontakt zu sich selber haben, um sich ganz auf die Situation eines Schwerkranken einzulassen.» Dabei gebe es auch Konflikte: Wenn jemand immer das Bett verlassen möchte oder einen Verband lösen wolle, dies aber nicht sollte. Trotzdem sei die Präsenz bei einem Schwerkranken nicht nur ein Geben, sondern immer auch ein Nehmen: «Ich erhalte Wertvolles zurück und lerne von den Sterbenden vieles über Leben und Sterben.»
Die Sitzwache der Spitalseelsorge war im vergangenen Jahr 45 Mal bei einem Kranken präsent, die «Vereinigung zur Begleitung Schwerkranker» leistete 172 Einsätze in Altersheimen und Privatwohnungen. Bei beiden Organisationen sind je rund 20 Helferinnen und Helfer engagiert die Rekrutierung von Nachwuchs sei ein Dauerbrenner, sagen die Verantwortlichen. Eine Ausbildung, die die Spitalseelsorge und die «Vereinigung zur Begleitung Schwerkranker» gemeinsam anbieten, soll Abhilfe schaffen. Zum Kursinhalt gehören Wissen über den Sterbeprozess, über die Kommunikation mit Sterbenden, über die Rolle von Trauer, von Seelsorge und Religion. Auch die Ausein­andersetzung mit der eigenen Person ist zentral. Der Kurs ist gratis für diejenigen, die sich verpflichten, nach Abschluss für Einsätze zur Verfügung zu stehen.




Auskunft und Anmeldung (bis 15. Januar): Andreas Egli, Spitalseelsorger, Tel. 079 679 88 42; Vereinigung zur Begleitung Schwerkranker Schaffhausen, Tel. 052 625 20 18.

Barbara Helg

Links:
www.ref-sh.ch/sitzwachewww.vereinigungsh.ch


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