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«Ich hatte das Gefühl, die Verletzungen seien weg»

01.01.2016
Roland M. Begert schaffte das, was vielen Verdingkindern verwehrt blieb. Der einstige «Bueb», der auf einem Bauernhof bis zu 15 Stunden am Tag schuftete, studierte und schloss sein Studium mit einem Doktortitel ab.

Ja, er habe alles, was es zu einem glücklichen Leben brauche, erklärt Roland M. Begert. «Eine gesunde Tochter, eine umsichtige, gute Frau und ein einfaches, aber schönes Haus», erklärt der 76-Jährige. «Und eine wichtige Beschäftigung», fügt er hinzu. «Die Aufklärungsarbeit zum Thema Verdingkinder.»
Seit Roland Begert seine Kindheit als Verdingkind im autobiografischen Roman «Lange Jahre fremd» veröffentlichte, ist er ein gefragter Gesprächspartner. 150 Lesungen hat er inzwischen gehalten. Der pensionierte Mittelschullehrer freut sich über das grosse Interesse am Thema «Verdingkinder» und seiner Person. Denn dies war nicht immer so. Lange Zeit taxierte ihn die Gesellschaft als wertlos und dumm.

Ora et labora
Begerts Kindheit und Jugend entspricht der vieler Heim- und Verdingkinder. 1937 kommt er auf die Welt. Seine Mutter ist alleinstehend und mittellos. Die Gesellschaft akzeptiert ein solch «lasterhaftes» Leben nicht. Armut gebiert Armut, heisst es damals. Wer arm ist, gilt als arbeitsscheu und einfaches Gemüt. Die Fürsorge nimmt der Mutter die Söhne weg und steckt sie ins katholische Bachteln-Heim im Kanton Solothurn, das von Nonnen betreut wird.
Die Geschwister leben zehn Jahre im gleichen Heim, ohne zu wissen, dass sie Brüder sind. Als reformiertes Kind muss Roland in der Kapelle zuhinterst knien und wird von der Liturgie ausgeschlossen. Ständig droht ihm die Hölle. Die Nonnen machen ihm klar, dass er keine einzige Sünde begehen dürfe, weil er nicht beichten kann. Für ihn gibt es keine Vergebung. Und keine körperliche Nähe, keine Umarmungen und tröstenden Worte. Zu den Schwestern müssen die Kinder Abstand halten. Der Mangel an Zuneigung, Wärme und Geborgenheit, den er im Heim erlebt, hat ihn geprägt. Ebenso das benediktinische Ora et labora. «Wer viel betet und gut arbeitet», so die Erzieherinnen, «kommt dereinst ins Reich Gottes.» Roland M. Begert wird früh klar, dass es ohne Arbeit keine Lebensgrundlage gibt. Später hätten ihn die Tugenden wie Fleiss, Haltung, Anstand und Durchhaltewille auf den Weg nach oben geführt.
Als er zwölf Jahre alt ist, holt ihn der Vormund von einem Tag auf den anderen ab und platziert ihn auf einem kleinen Bauernhof im bernischen Seeland. Dort geht Begerts Leidensweg aus harter Arbeit, Hunger und Verletzungen weiter. Manchmal musste «de Bueb» im Sommer bis zu 16 Stunden am Tag arbeiten.
Nach der Konfirmation drückt ihm der Vormund ein Einfach-Billett 3. Klasse in die Hand. Roland M. Begert landet in der Giesserei Sulzer in Winterthur. Für den schmächtigen Knaben wird die Schweiss treibende Arbeit in der Hitze und dem Staub zur Qual. Am Abend betrinkt er sich mit den anderen Arbeitern, manchmal bis zur Bewusstlosigkeit. Er hat keine Familie, keinen Besitz und keine Rechte. Lange Zeit verfügte er über keinen roten Rappen. Als er mit 20 Jahren mündig wird, will er auf sein Sparbüchlein bei der Amtersparniskasse Aarberg zurückgreifen. Doch das hat der Staat konfisziert für das «Hemdli, den Anzug, die Krawatte und die Schuhe», die Roland M. Begert an der Konfirmation trug.
Als es ihm eines Abends schwarz vor den Augen wird, erwacht er drei Tagen später im Spital. Der Blinddarm war ihm geplatzt. Man hatte ihn im letzten Moment operiert. Fast 23 Jahre alt ist Roland Begert jetzt, als er zum ersten Mal in seinem Leben Zuwendung und Wärme erlebt. «Die herzliche, mütterliche Krankenschwester und der Chefarzt, der mich nicht gehen liess, bevor ich etwas Fleisch auf den Knochen hatte, haben mich zutiefst berührt», erzählt Roland Begert. Im Krankenbett findet er endlich Zeit, um über den Sinn seines Lebens nachzudenken. Ein «unheimlich glückliches Lebensgefühl» steigt in ihm auf. Er fühlt sich innerlich befreit. «Ich hatte das Gefühl, all die Verletzungen seien weg. Die liegen noch irgendwo auf dem Operationstisch in Winterthur», witzelt Roland Begert.
Zu Sulzer kehrte Roland M. Begert nicht mehr zurück. Stattdessen beginnt das einstige Heimkind eine Traumkarriere: Mit 28 Jahren besucht er ein Abendgymnasium. Mit 31 Jahren immatrikuliert er sich an der Universität Bern für die Fächer Wirtschaft und Recht und schliesst sein Hochschulstudium mit dem Doktortitel ab. Fast dreissig Jahre lang unterrichtet er am Gymnasium.
«Es gab durchaus Zeiten, in denen Hass und Wut aufkamen.»
Warum konnte er sein Schicksal ändern, während anderen dies nicht gelingt? «Natürlich braucht es dazu ein starkes seelisches Korsett», glaubt Roland Begert. Er habe Gott sei Dank früh erkannt, wie wichtig es für ihn sei, herauszufinden, warum man mit ihm so umgegangen war. Roland Begert wollte wissen, warum ihn der Vormund in den ersten zwanzig Lebensjahren nur zweimal besuchte. Als er ihn danach frage, erklärte ihm dieser, er hatte damals über 300 Mündel zu betreuen. Die Zeit liess nicht mehr Besuche zu. Roland M. Begert ist überzeugt, dass solche Informationen ihm geholfen haben, vieles besser zu verstehen und sein Schicksal mit einer versöhnten Grundhaltung zu begreifen.
Er räumt jedoch ein, dass er nicht alles einfach verzeihen könne. Es habe auch Zeiten gegeben, in denen Hass und Wut aufkamen. Jeder Mensch erfahre in seinem Leben Schicksalsschläge. «Wir müssen lernen, mit ihnen zurechtzukommen», fügt er hinzu. Eine Entschuldigung seitens der Politik ergibt für das einstige Verdingkind wenig Sinn. Roland M. Begert braucht das nicht. «Wie kann man sich für etwas entschuldigen, das damals rechtens war?», fragt er.

«Es braucht Zeit, viel Zeit»
Das Leben hat Roland M. Begert gelehrt, sich nur auf sich selbst zu verlassen und nicht blindlings auf andere oder einen Schöpfergott. Diese hatten ihn oftmals enttäuscht. Die Pfarrer hätten schon gesagt, man sollte Gott vertrauen. Das könne man sich leisten, wenn man in einer komfortablen Lage aufgewachsen sei, meint Roland M. Begert ohne Bitterkeit. Oft hatte man ihm zu verstehen gegeben, aus ihm werde nichts. Diese «unverblümte Unterstellung» hat ihn motiviert, «denen zu zeigen, dass auch er jemand war und etwas konnte». Es sei ihm glücklicherweise gelungen, die negativen Empfindungen in positive Energien umzuwandeln. «Nur, dazu braucht es Zeit, viel Zeit.»
Narben seien sicher zurückgeblieben, resümiert Roland Begert. Bei ihm jedoch sind sie verheilt. Es gäbe kaum mehr ein Ereignis, dass die Wunden aufreisen könne, ist er überzeugt. Mit Hass und Wut, das spürte Roland Begert rasch, konnte er nicht überleben.


Bücher
Lange Jahre fremd, Roland M. Begert, biografischer Roman um ein Heim- und Verdingkind, edition liebefeld
Die letzte Häutung, Roland M. Begert, Lehrerroman, edition liebefeld.

Tilmann Zuber

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Links:
Für Informationen und Lesungen: www.editionliebefeld.ch



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