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Lehrplan 21: Unterricht ohne Inhalt?

01.01.2016
Ende Jahr ist die Vernehmlassung zum neuen Lehrplan 21 zu Ende gegangen. Die Kirchen kritisieren, dass der Vorlage jeglicher inhaltlicher Bezug zum Christentum fehlt.

«Mohammed statt Krippenspiel, Buddha statt Arche Noah», schrieb die «Schweiz am Sonntag» zum Religionsunterricht im Lehrplan 21. Doch wer im neuen Lehrplan blättert, landet nicht bei Mohammed oder Buddha, sondern im Nirwana einer inhaltlichen Leere. Der Entwurf formuliert für das Fach Religion zwar die zu erwerbenden Kompetenzen, der Inhalt der Lektionen bleibt jedoch den Lehrkräften überlassen. Und es fehlt jeglicher Bezug zu Bibel und Christentum. «Der Entwurf ist minutiös darauf bedacht, dass keine kirchlichen Feste, biblischen Geschichten und Persönlichkeiten, die unsere Kultur prägen, erwähnt werden», stellt Rita Famos fest. Für das Ratsmitglied des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes ist dies unverständlich, gehören doch über 70 Prozent der Bevölkerung einer christlichen Konfession an.
Seit Juni 2013 liegt der Entwurf des Lehrplans 21 vor. Erarbeitet wurde er von Fachteams aus Lehrerschaft und Dozierenden der Pädagogischen Hochschulen. Bis Ende 2013 konnten sich die Kirchen und Parteien in der Vernehmlassung äussern.
Die Kirchen wie auch der israelitische Gemeindebund begrüssen es, dass der Religionsunterricht als obligatorisch im Lehrplan 21 verankert wird. Trotzdem lehnen Bischofskonferenz und Kirchenbund die Vorlage ab und fordern eine Überarbeitung. Der Lehrplan müsste die christlich-jüdischen Traditionen und Wertvorstellungen stärker berücksichtigen.
Rückendeckung erhalten die Schweizer Kirchen aus Rom. In einem Interview mit der «Schweiz am Sonntag» äussert sich Kardinal Kurt Koch besorgt. Der fehlende Verweis auf die christliche Botschaft sei tragisch. «Es ist ein typisches Phänomen, nicht nur in der Schweiz, sondern in ganz Europa. Wenn sich Europa, zu dessen Kultur das Christentum gehört, von seinen Wurzeln abschneidet, verliert es seine Identität», so Koch.

Christentum benachteiligt
Vor kurzem kreuzten an einer Podiumsdiskussion in Bern die Zürcher Regierungsrätin Regine Aeppli und ihr Berner Kollege Bernhard Pulver mit Vertretern der Kirchen die Klingen. Martin Schmidt, Dozent an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen, kritisierte, der Lehrplan 21 sei nicht zu Ende gedacht. Das Christentum würde in der Vorlage benachteiligt. Ohne christliches Basiswissen ergebe dieser Unterricht keinen Sinn, erklärten die Vertreter der Kirche.
Bildungsdirektorin Aeppli wies darauf hin, dass die Schule konfessionell neutral sein müsse. Der Lehrplan 21 definiere die Kompetenzen, welche die Schüler im Unterricht erlangen. Lehrerinnen und Lehrer würden dann die Inhalte im Unterricht bestimmen. Der Lehrplan 21 habe durchaus inhaltliche Vorgaben, stellte «Arena»-Moderator Urs Wiedmer fest. Das Fach Geschichte etwa solle hervorragende Schweizer Persönlichkeiten wie den Heiligen Niklaus von Flüh oder die Zürcher SP-Stadträtin Emilie Lieberherr vermitteln.
Kritik erntet auch der pädagogische Ansatz der Vorlage. In der «Bilanz» stellt der Ökonom Mathias Binswanger fest, dass die Schüler in Zukunft nicht mehr wissen, was in der Bibel steht. Gemäss Lehrplan 21 können Schüler hingegen «in alltäglicher Umgebung, in kulturellen Lebensweisen oder Lebensstilen religiöse Symbole identifizieren und im Kontext ihrer Verwendung deuten», zitiert der Wissenschaftler aus der Vorlage. Binswangers Fazit ist klar: «Schüler und Schülerinnen werden zunehmend dazu erzogen, pseudokompetent über Dinge zu reflektieren und zu diskutieren, die sie in Wirklichkeit nicht kennen und nicht verstehen.»

Baselland: zwei Säulen
Für den kirchlichen Unterricht im Kanton Baselland bringt der Lehrplan 21 kaum Änderungen. Der Religionsunterricht basiert auf dem Zwei-Säulen-Modell, das sowohl einen schulischen wie kirchlichen in der Praxis meist ökumenischen Unterricht vorsieht, der in den Räumen der Schule stattfindet. Der Wortlaut des Lehrplans sei das eine, meint Roland Dobler, Leiter der Fachstelle für Unterricht der reformierten Kirche Baselland, wie und vor allem in welchem Mass die Lehrkräfte die schulische Religionskunde ausgestalteten, das andere. Darauf müssten die Kirchen auch weiterhin reagieren. Ihr Religionsunterricht an der Schule sei sinnvoll, weil er wie bisher schon die Ziele des Lehrplans und noch viel mehr die praktische Ausgestaltung des schulischen Religionsunterrichts ergänze und vertiefe.

Tilmann Zuber/kim

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