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«Der Schweizer Markt ist völlig ausgetrocknet»

01.01.2016
Seit Wochen diskutiert die Schweiz über die Initiative gegen Masseneinwanderung. Statistiken werden ­genannt, Szenarien entworfen und Stellung bezogen. Die Kirchen lehnen die Initiative ab. Doch es geht um mehr: Um die Frage, welche Schweiz wollen wir? CONTRA: Martin Dürr, Industriepfarrer

Martin Dürr ist Seelsorger im Pfarramt für Industrie und Wirtschaft in Basel. Er kennt den Druck in der Arbeitswelt. Trotzdem hat sich für ihn das Modell der Personenfreizügigkeit bestens bewährt.


Herr Dürr, die Initiative der SVP ­thematisiert das Bild der Schweiz. Wie sieht die ideale Schweiz für Sie aus?
Sie ist stolz auf das, was sie erreicht hat. Gleichzeitig ist die Schweiz dankbar für das Glück, das sie gehabt hat: Gottes Segen hat uns vor Schlimmem bewahrt. Stolz und Demut machen uns offen für Neues und bereit, unser Wohl mit anderen zu teilen.

Warum lehnen Sie die SVP-Initiative ab?
Der Initiative geht es in Wahrheit nicht um die Personenfreizügigkeit, sondern darum, den Boden für die nächsten Wahlen zu legen. Sie schürt das alt bewährte Feindbild des bösen Ausländers. Das entspricht nicht der wirtschaftlichen Realität. Das Modell der Personenfreizügigkeit hat sich bewährt. Uns geht es so gut wie eh und je und besser als all unseren Nachbarn. Unternehmer - selbst SVP-Unternehmer - wissen genau, dass sie ohne Personenfreizügigkeit nie mehr so erfolgreich sein werden. In meiner Funktion habe ich mit CEOs, mit Kleinunternehmern und Gewerkschaftern zu tun: Alle stellen sich einstimmig gegen diese Initiative.

Die SVP behauptet, dass es ihnen um das Mass geht. Ist es masslos, wenn es Unternehmen gibt, deren Angestellte zu zwei Dritteln Ausländer sind?
Der Schweizer Arbeits-Markt ist völlig ausgetrocknet. Oftmals können Unternehmen trotz guten Angeboten keine verfügbaren Arbeitskräfte finden. Dies gilt nicht nur für Top-Positionen, alle Stufen sind davon betroffen. Natürlich müssen die Unternehmen dann auf den ausländischen Markt zugreifen.

Viele Expats sind von ihren Konzernen unfreiwillig in die Schweiz versetzt worden. Der Leistungs- und Erfolgsdruck ist sehr hoch: Wie erleben Sie als Seelsorger die Situation der Expats?
Die meisten Expats durchleben zuerst eine «Euphoriephase»: Sie sind beeindruckt von der Kultur und der Lebensqualität der Schweiz. Nach einigen Monaten schwindet diese Euphorie. Schweizer sind sehr zurückhaltend und für Ausländer ist es schwer, Anschluss zu finden. In dieser «Krisenphase» entscheiden sich viele, die Schweiz wieder zu verlassen. Gerade junge Menschen, da sie häufiger kaum länger als zwei Jahre für das gleiche Unternehmen arbeiten.

Die Initiative beschneidet das Recht auf Familiennachzug. Wie wichtig ist das Familienleben für die in der Schweiz lebenden Ausländer?
Als Christ muss ich mir die Frage stellen: Kann ich einen Menschen behandeln wie eine Maschine? Ich hole ihn in die Schweiz, damit er hier für unseren Wohlstand arbeiten kann, und danach schicke ich ihn wieder weg: So geht das nicht! Ein Mensch hat ein Recht darauf, seine Familie bei sich zu haben. Das ist auch wichtig für die Integration. Diese erfolgt oft über die Kinder. Sie lernen die Sprache und Kultur viel schneller kennen als ihre Eltern. Selbst wenn sie eine International School besuchen, spielen sie in der Nachbarschaft mit Schweizer Kindern. Solche interkulturellen Kontakte bringen ein lebhafteres und sozialeres Klima in ein Quartier.

Stimmt es also nicht, dass Expats sich nicht integrieren wollen?
Expats sind viel integrationswilliger als wir glauben. Die Schweizer sind jedoch oft unnahbar, und Freundschaften entwickeln sich erst nach Jahren. Für Ausländer kann das frustrierend sein. Die meisten sind sich aus ihrer Heimat anderes gewöhnt. Wir können von der Offenheit anderer Kulturen viel lernen und profitieren. Überall, wo Leute ihre Häuser öffnen und Nachbarn zu sich einladen, entsteht eine andere Lebensqualität.

Sind wir Schweizer wirklich so verklemmt?
Verklemmt ist das falsche Wort. Es gibt in der Schweiz so viel ungeschriebene wie geschriebene Gesetze. Werden diese nicht eingehalten, erheben wir Schweizer rasch einmal den Mahnfinger. Das erlebt man nicht nur als Ausländer. Mir selbst wurde einmal verboten, einen Blumenstrauss ins Treppenhaus zu stellen, mit der Bemerkung, wir seien doch hier nicht «bei den Zigeunern». Solche Erlebnisse kennen wir wahrscheinlich alle. Dahinter steckt nicht böser Wille, sondern einfach ein Stück Schweizer Polizistenmentalität. Auch wenn nicht alle Schweizer so sind, so gibt es eine Tendenz zum Geordneten und Geregelten.Das kommt von unserer Angst vor allem Fremden. Mein vielgereister Vater hat dazu immer gesagt: «Was der Bauer nicht kennt ...»

Ein Staat wie die Schweiz hat das Recht seine Zuwanderung selber zu regeln.
Sicher. Ich kann jedoch das Interesse der SVP nicht verstehen, dass der Staat in Zukunft in die Wirtschaft eingreifen soll. Gerade diese Partei schimpft doch sonst gegen jegliche Staatseingriffe. Wir können nicht zurückkehren in eine «bessere Zeit», in eine vergangene Idylle. Wenn wir ehrlich sind, hat es diese so gar nie gegeben.

Die SVP-Initiative behauptet, dass ältere Arbeitnehmer durch die Zuwanderung bedroht sind, weil sie durch jüngere Arbeitskräfte ersetzt werden.
Das kommt vor und ist schlimm. Dafür gibt es aber unterschiedliche Gründe. In manchen Unternehmen gibt es einen regelrechten Jugendwahn: Alles unter dreissig ist gut, alles darüber muss weg. Das darf natürlich nicht sein! Allerdings haben sich auch die Zeiten geändert: Heute steigt man nicht nach der Ausbildung in eine Firma ein und bleibt dort bis zur Pension. Man muss sich immer wieder neu ausrichten und Neues dazulernen. Es gibt Leute, die diesen Wandel verpasst haben. Daran sind dann aber nicht die bösen Unternehmer oder Expats Schuld.

Toni Brunner fordert, dass man die Wirtschaft mehr in die Verantwortung nimmt. Können Sie sich diesem Anliegen anschliessen?
Das ist einer der wenigen Punkte, bei denen ich mich Herrn Brunner anschliessen kann. Unternehmen haben natürlich nicht in erster Linie karitative Aufgaben. Wenn sie zu wenig auf ihre Ökonomie achten, müssen sie am Ende Leute entlassen. Trotzdem übernehmen viele Unternehmen und KMU bereits heute grosse Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit.

Das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz hat eine Kampagne gegen Jugend- und Altersarbeitslosigkeit lanciert. Hätte die Wirtschaft hier nicht eher reagieren müssen?
Das ist richtig. Es braucht neue Initiativen, die am Schluss auch den Unternehmen selbst zugutekommen. Es gibt bereits positive Beispiele. Das Heks hat zurecht auf eine bestehende Not hingewiesen. Für einen Menschen, besonders für Jugendliche und Ältere, ist es schrecklich, wenn er sich nutzlos oder unbrauchbar vorkommt.

Der Kirchenbund spricht sich gegen diese Initiative aus. Doch was tut die Kirche konkret für die Arbeitnehmenden?
Im Pfarramt für Industrie und Wirtschaft haben wir in den letzten vierzig Jahren viele Projekte für arbeits- oder erwerbslose Arbeitssuchende gegründet und mitgetragen. Das kommt allen zugute, auch jenen, die um ihre Arbeitsstelle bangen. Auch bei Projekten, wie der «jobfactory», setzen sich viele Mitarbeitende aus dem kirchlichen Umfeld ein.

Delphine Conzelmann, Tilmann Zuber

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