Logo

E-Mail aus Kappel: Fasten und Reformierte

01.01.2016
redaktion@kirchenbote.ch Von: Christoph Hürlimann, Pfarrer

Liebe Mailfreundinnen und Mailfreunde

Geburtstage, die auf einen Festtag fallen, drohen unterzugehen. Das war früher noch eher der Fall, da man nicht nur an Weihnachten, sondern auch an anderen Gedenk- und Feiertagen Geschenke machte. Die Reformation brachte die Konzentration auf Weihnachten, da die Heiligenverehrung abgeschafft wurde. Zu den an einem Neujahrstag Geborenen gehörte Huldrych Zwingli.

Zwingli hatte am Grossmünster 1519 zu predigen begonnen. Bald sollte sich die Wirkung seiner Predigt zeigen. Es ging um den Umgang mit den kirchlichen Vorschriften, insbesondere denen zur Fastenzeit. Schon vor Zwingli gab es Milderungen der Vorschriften, wenn von Menschen schwere Arbeit gefordert wurde. Zur Zeit Zwinglis war eine Berufsgruppe besonders betroffen. Der Buchdruck war noch jung. Viele Menschen wollten aber ihre Lettern aufs Papier bringen. Es war eine geistig rege Zeit. Der «trucker» Christoph Froschauer verfügte schon über lateinische, griechische und hebräische Buchstaben und konnte von einem Buch, so von der legendären Froschauer Bibel, bis 5000 Exemplare drucken. Dazu wurde hart gearbeitet. Das gab Hunger. Froschauer berief sich auf Ausnahmevorschriften der Kirche für die Kost bei schwerer Arbeit, vor allem aber auf die Predigten von Zwingli und brach mit dem Fastengebot.

Die zwei Würste führen zu einem Streit. Es geht nicht nur um das Fleisch in der Fastenzeit. Es geht um den Umgang mit der Überlieferung. Wir würden sagen: Welches Gewicht haben Überlieferungen und Traditionen? Welches Gewicht hat die Freiheit des Glaubens, den alten Weg zu prüfen und einen neuen Weg zu suchen? Zwingli verfasst eine Schrift «Von Erkiesen und Freiheit der Speisen» («Erkiesen» bedeutet «Auswahl»). Der Leutpriester befürwortet das Fasten als Weg der äusserlichen und innerlichen Reinigung und Klärung. Er will es aber nicht als Zwang. Zwingli lässt sich von einem Wort Jesu leiten: «Der Sabbat ist um des Menschen willen geschaffen.» Der Sabbat ist eine göttliche Ordnung. Aber wir sollen diese Ordnung zu unserem Nutzen und zum Nutzen aller Menschen verwenden. Es ist ein mündiger und verantwortlicher Umgang mit den Ordnungen: Wir «antworten» Gott darin, wie wir mit den Ordnungen umgehen.

Neben der Freiheit kommt die Verantwortung bald zum Zug: Zwei Jahre nach dem Wurstessen richtet der Rat eine neue Almosenordnung ein.

Zur rechten Zeit ein heilsames und reinigendes Fasten, zur rechten Zeit aber auch  eine «gediegene» Wurst; zur rechten Zeit die Freiheit zur selbstständigen Wahl, zur rechten Zeit aber auch Verantwortung im Dienste des Nächsten, wünscht Euch

Euer Christoph Hürlimann


ÄHNLICHE ARTIKEL