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An manchen Orten zahlen Christen eine Kopfsteuer

01.01.2016
In der Zeit der Attacken gegen die Kirchen in Ägypten haben Christen keine Vergeltungsschläge verübt. Dies hinterlässt bei vielen einen tiefen Eindruck. Am ersten Freitag im März feiern Christen weltweit den Weltgebetstag. Diesmal zum Land am Nil.

Viele Geschichten über Ägypten sind noch nicht erzählt worden oder zumindest nicht in unser Bewusstsein vorgedrungen. Einerseits leicht verdauliche Facts. Etwa, dass das Reich der Pharaonen nicht das Land der Pyramiden ist. Denn in Ägypten stehen mit rund 100 Pyramiden nur etwa halb so viele wie im Sudan, wo 200 errichtet worden sind. Auch steht die grösste Pyramide nicht in Ägypten, sondern in Mexiko. Die Cholula-Pyramide beinhaltet 4,45 Millionen Kubikmeter, die Cheops-Pyramide in Ägypten dagegen «nur» auf 2,6 Millionen Kubikmeter. Oder dass das «Land des Nils» eigentlich der Sudan wäre, da der Nil allein von Khartum bis zur Landesgrenze 1580 Kilometer misst (in Sudans Hauptstadt Khartum treffen sich der Weisse und der Blaue Nil), während durch ganz Ägypten «nur» 1510 Kilometer Nil fliessen.

Zweiklassengesellschaft
Andererseits stehen diesen leicht bekömmlichen Infos auch harte, überraschende Storys gegenüber. Etwa, dass es sich der frühere ägyptische Trainer Hassan Schehata während seiner Amtszeit leisten konnte, in aller Öffentlichkeit zu sagen, dass er nur muslimische Spieler aufbietet, auch wenn solche einer anderen Religion die besseren Kicker wären. Gefeuert wurde Schehata wegen dieser Aussage nicht und die Entrüstung blieb aus was zeigt, wie toleriert die Zweiklassengesellschaft im Land ist. Und immerhin geniesst die Nationalelf hohe Aufmerksamkeit, siebenmal gewann sie den Afrika-Cup, das Pendant zum Europa-Cup.
Der Unmut unter Mursi wuchs in der gesamten Bevölkerung, nicht einzig in der christlichen Minderheit, wo beispielsweise ein 17-jähriger Christ wegen angeblicher Blasphemie zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wurde.
Mursi führte das Land weder weiter noch hielt er sich an Versprechen. Stattdessen ärgerten sich junge, liberale Menschen, dass in Schulen Literatur salafistischer Prägung verordnet wurde und dass an manchen Arbeitsplätzen Frauen und Männer nicht mehr im gleichen Raum arbeiten durften.
Erst als Mursi sah, wie die Felle davonzuschwimmen begannen, entdeckte er plötzlich eine tiefe Liebe zur Offenheit und bewilligte als deren Zeichen den Bau einer Kirche. 17 Jahre war das Verfahren zuvor von den Behörden verschleppt worden und zahlreiche weitere kirchliche Bauprojekte warteten noch immer auf die Bewilligung während Moscheebauten zügig genehmigt wurden.

Besser als unter Mursi
Der bekannte Fall folgte. «Unter Mursi verschlechterte sich die Lage für die Kopten. Seit er weg ist, hat sich die Situation wieder etwas gebessert», bilanziert Medhat Klada, Journalist und Präsident des europäisch-koptischen Dachverbandes «Coptic Organizations Union in Europe».
«In manchen Teilen in Südägypten herrschen aber immer noch die Muslimbrüder, beispielsweise in der Stadt Assiut», so Klada, der in der Nähe von Zürich wohnt und auch Vorsitzender der schweizerischen Menschenrechtsbewegung «Middle East Human Rights ME-HR» ist. «An manchen Orten müssen Christen eine Kopfsteuer entrichten, die Polizei verschliesst die Augen. Noch immer wird da über Lautsprecher der Moscheen gegen Christen aufgewiegelt.»
Insgesamt hätten die Kopten einen hohen Preis bezahlt, sei es mit den Angriffen auf Kirchen sowie auf Geschäfte und Privatbesitz. Klada lobt den koptischen Papst Tawadros II., der in all den Wirren stets zur Besonnenheit aufgerufen hat.

Muslim: «Lebt eure Werte!»
In den politischen Unruhen der letzten Jahren entwickelte sich unter Christen eine bis anhin nicht bekannte Einheit: Menschen aus verschiedenen Kirchen fanden bei mehreren Grossveranstaltungen zusammen. Unter anderem wuschen sich die Leiter verschiedener Denominationen die Füsse und sprachen sich wegen früherer Differenzen Vergebung zu.
Auch reagierten Christen nicht mit Hass auf die Attacken. Eine Gruppe Christen stand beispielsweise mit einem Transparent vor einer Moschee. Darauf standen keine Schimpftiraden oder Racheschwüre, sondern: «Ich bin ein Christ und ich liebe Moslems.» Zeichen wie dieses beeindrucken viele Muslime. So äusserte sich einer: «Ich danke Gott, dass ihr Christen nicht mit dem Geist des Hasses und der Vergeltung aufgewachsen seid, wie wir Muslime es sind. Wäre das nach all den Attacken auf eure Kirchen, Läden, Häuser und Leute der Fall, so wäre von Ägypten jetzt nur noch Schutt und Asche übrig. Bewahrt euren Glauben, lebt eure Werte und erhebt eure Hände weiter zum Himmel, wenn ihr für Ägypten betet. Eure Gebete sind die einzige Hoffnung, die Ägypten bleibt, um doch noch einmal auf die Füsse zu kommen.»

Muslimische Journalistin beeindruckt
Junge Christen organisierten eine grosse Konferenz, eine muslimische Journalistin war ebenfalls dabei und zeigte sich auf Facebook überrascht. Aus Neugier habe sie christliche Freunde begleitet: «Eine enorme Zahl versammelte sich in diesen drei Tagen wegen der Liebe, der Essenz des christlichen Glaubens. Noch andere muslimische Freunde waren da und wir waren überwältigt vom Geist der Liebe und dies von Menschen, die Attacken, Feuer und Brandschatzen erlebten. Diese Menschen litten hart unter fanatischen Muslimen. Doch wir waren umgeben von Personen voller Liebe und Vergebung.»
Nachdem die ägyptische Verfassung kürzlich verabschiedet wurde, dürfte zwischen dem 17. Februar und dem 18. April ein neuer Präsident gewählt werden. Mit grosser Wahrscheinlichkeit setzt sich der jetzige Militärchef Abd al-Fattah al-Sisi durch.





«Ströme in der Wüste»
Dieses Jahr steht der Weltgebetstag im Zeichen von Ägypten. Frauen aus dem Land am Nil haben die Liturgie verfasst. Sie gehören zu den 12 Prozent Christen, die in Ägypten den koptischen, katholischen und evangelischen Gemeinden angehören. Am ersten Freitag im März feiert die Christenheit weltweit den Weltgebetstag.




Zum Bild: Ende einer blutigen Nacht in Ägypten: Blick aus einer niedergebrannten Kirche, die von Sicherheitskräften abgeriegelt wird. | gerber

Daniel Gerber


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