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«In der nächsten Einstellung geht die Sonne auf»

01.01.2016
Der Filmer und Journalist Fabian Kramer über die Kunst, Jesus auf die Leinwand zu bringen.

Fabian Kramer, Sie sind Journalist, Filmkritiker und Filmschaffender. Wenn Sie einen Jesus-Film drehen müssten, welcher Aspekt interessiert Sie besonders?
Ich würde mir nicht zutrauen, einen Film über Jesus zu drehen. Aber wenn, dann wäre es wohl die Tatsache, dass er seinen Leidensweg aus freiem Willen geht, die mich am meisten interessieren würde. Dieser Aspekt kommt übrigens auch in einem meiner Lieblingsfilme vor, in Andrei Tarkowskis sowjetischem Schwarz-Weiss-Epos über den russischen Ikonenmaler Andrej Rubljow.

Welcher Jesus-Film hat Sie beeindruckt?
Von den Darstellungen Jesu als historische Figur, die ich gesehen habe, überzeugt mich keine ganz. Mir gefiel die spröde und aufrichtige Art von Pier Paolo Pasolinis «Das 1. Evangelium Matthäus». Martin Scorseses «Die letzte Versuchung Christi» fand ich von der Versuchsanordnung her interessant. «Das Leben des Brian» von Monty Python hat mich zum Lachen gebracht. Aber ich möchte lieber einen Film wie «Matrix» hervorheben, der auch eine messianische Geschichte erzählt und ein visionäres Meisterwerk ist.

Wie würden Sie die Auferstehung Jesu darstellen?
Dazu kommt mir spontan ein berühmter Schnitt der Filmgeschichte in den Sinn, ein sogenannter Match Cut aus «Lawrence von Arabien»: Der Titelheld bläst die Flamme eines Streichholzes aus, und in der nächsten Einstellung geht die Sonne auf.

Biblische Geschichten sind Tausende Jahre alt. Trotzdem finden sie immer wieder den Weg auf die Leinwand. Warum?
Dafür lassen sich sicher viele Gründe anführen. Ich möchte zwei nennen: Die Geschichte Jesu ist im Grunde die Geschichte jedes Menschen, und die Geschichte des Volkes Israel ist die Geschichte der ganzen Menschheit. Deshalb kann jeder Leser und Zuschauer einen Bezug dazu finden. Ausserdem gibt es für gute Geschichten eigentlich nur zwei Themen, wie schon der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki einmal festgehalten hat: die Liebe und den Tod. Und wo ist deren Widerstreit eindrücklicher gelöst als in den biblischen Zeugnissen von Kreuzigung und Auferstehung?

Interview: Tilmann Zuber

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