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Made in Hollywood: «Wie sexy darf Jesus sein?»

01.01.2016
Zurzeit läuft in den USA der Film «Son of God» an und erntet Kritik. Jesus sei zu schön. Im Kino war die Darstellung Christi schon immer eine Herausforderung. Auf Spurensuche, warum der Gottessohn auf der Leinwand aneckt.

«Wie sexy darf Jesus sein?», titelte die Boulvardpresse anlässlich des Filmstarts von «Son of God» in den USA. Die Rolle des Nazareners verkörpert der Portugiese Diego Morgado. Der durchtrainierte Körper und der verführerische Blick des 34-jährigen Models ist in der amerikanischen Presse ein Thema. «Jesus sieht besser aus, als notwendig wäre», moniert etwa das Magazin «Variety». Ein männlicher Beau als Jesus irritiert.
Die Darstellung vom Sohn Gottes bildete schon immer eine Herausforderung. Zwar hält das Johannesevangelium fest, dass das Wort Fleisch wurde. Geschieht dies jedoch auf der Leinwand, so wird dies von den Filmkritikern und den Theologen belächelt und in die verstaubte Ecke der Sandalenfilme gestellt. «Du sollst keine Jesusfilme machen», laute das 11. Gebot, meint der Publizist Thomas Binotto. Denn Jesus sei wenigstens für einen glaubwürdigen Filmhelden schlicht zu gut. Im klassischen Jesusfilm sei der Kampf mit dem Bösen längst ausgefochten. Also Ende Klappe!

Leiden Christi als Kassenschlager
Zum Glück denken die Produzenten in Hollywood anders und greifen weiterhin auf den biblischen Stoff zurück. Dies mit Erfolg: Millionen strömten in «The Passion of the Christ», um die letzten Tage im Leben Jesus zu sehen. Der Film spielte an der Kasse 600 Millionen US-Dollar ein. In einer Zeit, in der das Design das Argument ersetzt und sich das Leid per Fernbedienung wegzappen lässt, wurde der geschundene, blutige Leib Christi zum Ärgernis. Die Kritik der Kirche erfolgte prompt. Katholische wie reformierte Bischöfe protestierten in Deutschland in seltener ökumenischer Eintracht: Mit seiner drastischen Darstellung verkürze der Film die Botschaft der Bibel auf problematische Weise.
Seit der Entstehung des Films ist Jesus Christus dort präsent. Schon die Erfinder des Kinos, die Brüder Lumière, zeigten Jesus 1897 auf der Leinwand. Mit viel Pathos und Gestik zelebrierten der Stumm- und später der Ton- und Farbfilm das Leben Christi. Über 350 Leinwand- und Bildschirmauftritte verzeichnet Internet Movie Database. Damit befindet sich Jesus in guter Gesellschaft mit Dracula (350 Auftritte) und Napoleon (440 Auftritte).

Jesusfilme sind Kinder ihrer Zeit
Wie Geistliche und Theologen stehen die Drehbuchautoren und Regisseure vor der Frage, welchen Aspekt sie aus den Evangelien und der Überlieferung auswählen. Bibel lesen, heisst die Bibel deuten. Während sich die Theologie daran die Zähne ausbeisst, greift der Film auf die Kraft und die Offenheit der Bilder zurück. Etwa im Film «Je vous salue Marie», in dem Jean-Luc Godard das Wunder der Jungfrauengeburt darstellt. Der gehörnte Josef darf Maria nicht berühren. Zwei Zentimeter vor ihrem runden Bauch stoppt seine Hand. «Das ist Liebe», erklärt ihm die schwangere Maria, während nach dem Schnitt die Sonne blutrot untergeht. Es sind starke, stilisierte, beinahe kitschige Bilder, die das Alltägliche in den Himmel erheben und an der Unverfügbarkeit jedes Lebens festhalten.
Jesus-Filme sind Kinder ihrer Zeit. In den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts herrschte zwischen den Grossmächten der Kalte Krieg. Die Bedrohung durch die Atombombe ist allgegenwärtig. In dieser Situation erzählt Ben Hur (1959) die Geschichte eines jüdischen Prinzen, der vom Hass auf Rom erfüllt ist. Rache ist seine Mission, als er der Friedensbotschaft Jesu begegnet. Für einen kurzen Moment erscheint ihm der Messias als vorbeiziehender Schatten. Mehr braucht es nicht, um die Botschaft von der Macht der Ohnmächtigen, welche Weltreiche erschüttert, zu verkünden. Dreissig Jahre später wird dies Wirklichkeit.
Pier Paolo Pasolinis Verfilmung des Matthäus-Evangeliums (1964) erscheint da geradezu spartanisch. Im süditalienischen Matera dreht Pasolini mit Laiendarstellern. Die Maria spielt seine Mutter. Die herben Gesichter spiegeln die Schicksale der armen Fischer und Bauern der Jesusbewegung. Sie gleichen den Antlitzen der Diebe und Stricher, die Pasolini nachts in den Vorstädten Roms trifft. In der kargen Landschaft gibt es nur den Text des Matthäus-Evangeliums. Dazu erklingt die Musik von Bach. Ohne das Wort von Christus droht die Welt auszutrocknen. Den Film widmete Pasolini Papst Johannes XXIII, der für einen Aufbruch in der Kirche sorgte. Für die Traditionalisten war der Film ein Skandal.

Was würde Jesus tun, wenn er heute käme?
Für eine Flut von Prozessen sorgte 1982 «Das Gespenst» von Herbert Achternbusch. Die lebensgrosse Christusfigur will nicht länger in der Kirche am Kreuz hängen. Sie steigt herab, wird zum «Ober» der Oberin und legt sich mit der Polizei, dem Bischof und Passanten in München an. Die provokative Tragikkomödie geht der Frage nach, was würde Jesus tun, wenn er heute käme? Kirche und Staat suchen die Antwort vor den Schranken des Gerichts. Sie klagen Achternbusch wegen Blasphemie ein.
Proteste von konservativen christlichen Gruppen löste «Die letzte Versuchung» (1988) von Martin Scorsese aus. Sein Jesus litt unter Selbstzweifeln, liebte das Leben und die Frauen und konnte der letzten Versuchung nicht widerstehen. Er weicht dem Tod am Kreuz aus. Scorsese stellt schon Jahre vor der Theologie die spekulative Frage, was wäre der Glaube ohne den Opfertod von Christus?
Humorvoll geht hingegen der Film «Das Leben des Brian» das Leben Christi an. Die «Monty Python» erzählen eine Geschichte der Parallelfigur Brian, die den Weg von Jesus kreuzt. Einmal, als eine blinde Meute Brian verfolgt und er ihnen zuschreit, sie sollen doch Gras fressen. Die Gläubigen feiern dies als das Wunder der Speisung. Ein anderes Mal, wenn er aus der Ferne der Bergpredigt zuhört und nur Bruchstücke mitbekommt. Wütend schimpft er, dass er nichts verstehe.
Auch wenn einem das Lachen manchmal im Hals stecken bleibt, so spielt die Komödie mit falschen Heilsversprechen, religiösem und politischem Fanatismus und engem Buchstabenglauben. Ähnliches findet sich auch in den Evangelien. Wenn Brian am Kreuz singt «Always look on the bright side of life» ist dies eine Hymne an die Schönheit das Lebens, wie sie in Jesus Aufruf, sich nicht um das Morgen zu sorgen, anklingt. «Sehet die Lilien ...»



Zum Bild: Zu schön für einen Christus? Jesus, gespielt vom Model Diego Morgado, wird von den Massen umjubelt. Szene aus «The Son of God».

Tilmann Zuber

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