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Das 11. Gebot: Du sollst deine Enkel ehren

01.01.2016
Was hinterlassen wir unseren Kindern?, fragt der Publizist Fulbert Steffensky. Anlässlich der Sammelkampagne von «Brot für alle» und «Fasten-opfer» ruft er die Grosseltern dazu auf, ihre Enkel zu ehren.

Ein Mensch ist ein Wesen, das die Namen seiner Grosseltern kennt und für seine Enkelkinder sorgt. Ich bin 80 Jahre alt und habe Kinder und Enkel. Es ist die Zeit der kurzen Frist und der Bussfrage: Was werde ich meinen Enkeln vermachen, und was habe ich ihnen vorenthalten? Ich frage nicht, was ich ihnen an Hab und Gut hinterlasse, sondern welche Welt unsere Nachkommen von uns erben. Werden sie reines Wasser zum Trinken haben? Haben wir die Böden so überdüngt und zerstört, dass sie krank werden an den Früchten der Erde? Haben wir ihre Landschaften so zersiedelt, dass sie den Trost der Natur nicht mehr kennen? Hinterlassen wir ihnen eine bewohnbare Stätte?

Ehre deine Kinder und Kindeskinder
«Unsere Vorfahren haben gesündigt, sie sind nicht mehr, aber wir tragen ihre Schuld», klagt der Prophet Jeremia. Wir sind darauf angewiesen, dass unsere Enkelkinder uns vergeben. Wir stehen in ihrer Schuld, und sie erben unsere Schulden. Das zu wissen, ist die beste Voraussetzung, mit ihnen in Frieden zu leben. In archaischen Gesellschaften, in denen die Alten ungeschützt und der Gnade der Jungen ausgeliefert waren, haben die ethischen Gebote für sie plädiert. «Ehre deinen Vater und deine Mutter, auf dass du lange lebst auf dem Boden, den der Ewige, dein Gott, dir gibt», heisst es im Dekalog der hebräischen Bibel.
In unseren Zeiten, in der die Zukunft der kommenden Generationen so ungewiss ist, soll es heis­sen: Ehre deine Kinder und Kindeskinder, die der Ewige dir gegeben hat, dass sie eine Erde finden, auf der sie atmen und arbeiten können; auf der sie glücklich sein und Gott anbeten können! Sorge für sie und führe nicht Krieg gegen deine eigenen Nachkommen! «Die Saat von heute ist das Brot für morgen.» Auch umgekehrt: Der verdorbene Samen von heute ist der Hunger von morgen.
Sorge ist eines der schönsten Wörter unserer Sprache und eine der schönsten Fähigkeiten des eigenen Herzens. Die Bibel warnt allerdings vor der Sorge, die sich auf das eigene Wohl beschränkt. Als Beispiel eines Selbstbesorgers und Selbstversorgers nennt sie den reichen Kornbauern, der alles im Überfluss hat und nur noch darum bekümmert ist, wie er alles recht sammelt, verstaut und aufbewahrt (Lukas 12, 1621). Er will sich Scheunen bauen, in denen seine Güter für die Ewigkeit gesichert sind. Aber Gott spricht zu ihm: «Du Narr! Diese Nacht noch wird man deine Seele von dir fordern. Wem wird dann gehören, was du angehäuft hast?» Ein Mensch ist ein Wesen, das die Namen seiner Grosseltern kennt und für seine Enkelkinder sorgt, der also nicht in der Selbstbesorgung erstickt.
Diese Sorge aber ist unteilbar. Sie unterscheidet nicht mehr zwischen den eigenen Kindern und den fremden. Eine Frau, die lange in der Anti-Apartheid-Bewegung gearbeitet hat, hat mir einen Traum erzählt: Im Traum sah sie die streunenden Stras­senkinder von Bogota. Sie hungerten, froren, stahlen und boten sich zur Prostitution an. Plötzlich nahmen diese geschundenen Kinder das Gesicht ihrer eigenen Kinder an. «Da habe ich gewusst, es gibt keine fremden Kinder», sagte sie. Die Sorge, die ihren Namen verdient, überschreitet die Grenzen der natürlichen Verbundenheit.

Wir bilden die Seele unserer Kinder
Wenn wir dafür sorgen, dass unsere Nachkommen eine bewohnbare Welt haben, arbeiten wir zugleich an ihrem inneren Lebensglauben und an ihrer Hoffnung. Wir bilden ihre Seele. Bildung ist zunächst das, was die Konstruktion einer Gesellschaft uns lehrt. Sie lehrt uns Normen, indem wir sehen, nach welchen Normen gehandelt wird. Ihre «Anthropologie» besteht zunächst nicht in Sätzen und Theorien über Mensch und Welt. Sie wird Gestalt in der Art, wie unsere Kindergärten, Schulen, Gefängnisse, Altenheime, Stadtteile eingerichtet und erbaut sind.
Was eine Gesellschaft von ihren Kindern hält, das sagt sie nicht nur in ausdrücklichen Sätzen. Sie sagt es viel folgenreicher und einprägsamer darin, wie viele Spielplätze und wie viele Parkplätze sie vorsieht; wie viel Luft zum Atmen und wie viel geniessbares Wasser sie ihren Kindern lässt und für sie vorsieht. Wer die Kinder sind, was sie von sich selbst zu halten haben, ob sie dem Leben vertrauen können, das lernen die Kindern nicht zuerst durch Lehren und aus Büchern. Sie lernen es daraus, wie die Welt für sie eingerichtet ist. Der Zustand einer Gesellschaft bildet. Er arbeitet an den inneren Bildern von Menschen, an ihrem Lebensvertrauen, an ihrer Hoffnungs- und Handlungsfähigkeit, an ihrer Lebensfreude. Oft kommen alle philosophischen und religiösen Sätze und Lehren zu spät gegen die gewaltigen Lehren, die das Leben selber sie gelehrt hat.
Die Gerechtigkeit, die unsere Kinder erleben, ist das Buch, in dem sie ihren Sinn, ihre Lebenszuversicht und ihre Hoffnung lesen. Gerechtigkeit bildet Sinn. Barmherzigkeit ist die in den Institutionen übersetzte Lehre von der Lebbarkeit des Lebens.
Wir schulden unseren Kindern die Überlieferung unseres Glaubens er ist das andere Brot, das sie brauchen und ohne das sie hungern. Auch bei dieser Aufgabe hat meine Generation versagt. Im Buch Deuteronomium (6, 20) heisst es: «Wenn dein Kind dich morgen fragt: Was sind das für Weisungen, Gebote und Rechte, die euch unser Gott gegeben hat?, dann sollst du sagen: Wir waren Knechte des Pharao in Ägypten, und der Herr führte uns aus Ägypten mit starker Hand.»
Wir sind unseren Kindern die Geschichten der Freiheit und der Rettung des Lebens schuldig. Die Moral folgt dann von selbst. Die Lust an der Freiheit ernährt sich von den Geschichten der Befreiung. Ein Mensch ist ein Wesen, das die Freiheitsgeschichten seiner Grosseltern kennt und sie seinen Enkelkindern überliefert. Auch die Saat der Befreiungsgeschichten ist das Brot von morgen.

Fulbert Steffensky


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