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«Es gibt immer mehr Einsame» (3)

01.01.2016
Knapp 14 000 Menschen aus der Zentralschweiz rufen jährlich bei der Telefonseelsorge «Dargebotene Hand» an. Oft sind fehlende soziale Kontakte ein Problem den Anrufenden fehlt ein Gegenüber.

Mehrmals im Monat sitzt Thomas Feldmann an einem Pult in einer Wohnung in der Luzerner Innenstadt und wartet darauf, dass das Telefon klingelt. Dass Menschen anrufen, um mit ihm über ihre Probleme sprechen. Über die Beziehung, die zerbrochen ist. Über den Job, den sie verloren haben. Über den Alltag, den sie immer weniger bewältigen können. Dann versucht der 52-jährige Therapeut und Theologe zu helfen: Er hört zu, fragt nach und verweist manchmal auch an Hilfseinrichtungen. «Für die Anrufenden ist es oft die grösste Hilfe zu wissen, dass jemand da ist - anonym, ohne etwas zu fordern», sagt Feldmann, der seit 2011 Psychologischer Leiter der Telefonseelsorge «Dargebotene Hand Zentralschweiz» ist. Neben ihm sind es vor allem 50 freiwillige Beraterinnen und Berater, die abwechselnd, rund um die Uhr, die Anrufe entgegennehmen.

Mehr Männer rufen an
Schweizweit wählen jedes Jahr etwa 220 000 Menschen die Notrufnummer 143. Die Kosten betragen dafür einmalig 20 Rappen, egal wie lang der Anruf dauert. Zieht man die Scherz- und Schweigeanrufe ab, kommen rund 160 000 «ernsthafte» Gespräche zusammen. Die grösste Altersgruppe sind - mit 49 Prozent - die 40- bis 65-Jährigen. Die Zahl der Männer, die anrufen, ist in den vergangenen Jahren gestiegen, mittlerweile liegt sie bei etwa einem Drittel, in der Zentralschweiz bei 21 Prozent.
Egal ob Mann oder Frau: Der häufigste Grund für einen Anruf bei der Dargebotenen Hand ist eine psychische Beeinträchtigung - und ihre Auswirkung auf das Leben der Betroffenen, berichtet Feldmann. Fehlende soziale Kontakte seien oft Auslöser für Krisen und führten in einen Teufelskreis: Ohne Ansprechpartner verschlimmerten sich die Probleme. Dann brächten die Menschen nicht mehr die Kraft auf, einen Gesprächspartner zu finden und ihre Lage verschlimmere sich weiter. «Indem sie bei uns anrufen, können sie diesen Teufelskreis durchbrechen. Wir entlasten damit auch Angehörige», so Feldmann. «Immer mehr Anrufende sehen in den anonymen Ansprechpartnern am Telefon Unterstützer für die Bewältigung ihres Alltags.» Eine mögliche Erklärung für die hohe Zahl von 60 Prozent regelmässigen Anrufern.
Einsamkeit in all ihren Facetten ist darum auch ein zentrales Thema in vielen Gesprächen. «Es gibt immer mehr einsame Menschen, die sich schämen, mit ihren Problemen im Umfeld Hilfe zu suchen. Viele Kontakte spielen sich heute nur noch im virtuellen Bereich ab», so Feldmann. «Doch was nützen mir 700 Facebook-Freunde, wenn niemand da ist, wenn es mir schlecht geht.» Besonders berührt es Feldmann, wenn alte Menschen anrufen. «Wir haben Anrufer aus Betagtenheimen, die sagen, dass sie niemanden mehr zum Reden haben. Eine Folge davon, dass die Menschen immer älter werden und das soziale Umfeld wegstirbt.»

Suizidprävention
Auch wenn es heute nur noch in gut drei Prozent aller Gespräche um Suizid geht, bleibt das Thema wichtiger Bestandteil der Arbeit. «Diese Anrufe sind sehr eindrücklich», sagt Feldmann. Es sei wichtig, diesen Menschen zuzuhören, über ihre Lebensmüdigkeit zu sprechen, Alternativen zu dieser endgültigen Lösung zu suchen. Aber: Die Ungewissheit, was nach dem Auflegen passiert, kann sehr belastend sein. «Doch als Mitarbeiter muss man lernen, damit umzugehen.» Sich vergegenwärtigen, dass man am Telefon tatsächlich nicht mehr tun kann, als Betroffene in ihrer Verzweiflung ernst zu nehmen, da zu sein und so Halt zu geben.
Umso wichtiger sei es, dass die Mitarbeitenden der Dargebotenen Hand entsprechend geschult werden, erklärt Feldmann, der auch für die Ausbildung der Ehrenamtlichen zuständig ist. Bevor diese erstmals Anrufe entgegennehmen, haben sie eine zehnmonatige Ausbildung hinter sich. «Unser Ziel ist es nicht, Probleme zu lösen», fasst Feldmann zusammen, «sondern ein einfühlsames Gegenüber für den Anrufer zu sein. Oft geht es darum stellvertretend zu hoffen und daran zu glauben, dass sich eine Situation verändern kann.»


Sorgentelefon
Die Idee zur Telefon-seelsorge entstand in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Ziel des Gründers Chad Varah ein Anglikanerpater aus London war es, Menschen vom Suizid abzuhalten. 1957 öffnete in Zürich unter dem Namen «Dargebotene Hand» die erste Schweizer Stelle, mittlerweile gibt es zwölf Regionalstellen im ganzen Land. Die 622 ehrenamtlichen und rund 40 hauptamtlichen Mitarbeiter sind unter der einheitlichen Rufnummer 143 oder online unter www.143.ch zu erreichen. Finanziert wird die Telefonseelsorge durch Spenden, wesentlich durch die katholische und reformierte Kirche.


Zum Bild: «Was nützen 700 Facebook-Freunde, wenn niemand da ist, wenn es mir schlecht geht?»: Thomas Feldmann, Psychologischer Leiter «Dargebotene Hand». | Anderhub

Annette Meyer zu Bargholz

Links:
www.143.ch


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