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Maulkorb für Pfarrerin (3)

01.01.2016
Die «Neue Luzerner Zeitung» druckte eine Kolumne von Pfarrerin Ruth Brechbühl nicht ab. Die Redaktion fürchtete negative Leserreaktionen auf ihre Kritik am Abstimmungs-resultat der Initiative «Gegen Masseneinwanderung».

Wie politisch soll Kirche sein? Diese Frage beschäftigt immer wieder. Während die einen meinen, Kirche sollte sich auf die Verkündigung des Evangeliums konzentrieren, fordern andere von ihr gesellschaftliches Engagement und stellen das Wächteramt der Christen in den Vordergrund. Die «Neue Luzerner Zeitung», NLZ, hat offenbar klare Vorstellungen davon, wie Kirchenvertreter sich zu politischen Fragen äussern dürfen. Die Redaktion lehnte eine für den 21. Februar bestellte Kolumne ab. Die Autorin, Pfarrerin Ruth Brechbühl aus Stansstad, ging darin kritisch mit dem Abstimmungsergebnis der Masseneinwanderungsinitiative ins Gericht.

Furcht vor Leserreaktionen
«Ist die christliche Botschaft des friedlichen Mit- und Beieinanderlebens wertlos geworden? Haben wir es als Christen versäumt, diese Werte lebendig bleiben zu lassen? Haben wir die befreiende Botschaft des Evangeliums beerdigt?», hinterfragt die reformierte Theologin das Abstimmungsresultat in ihrem Text. In einem Telefonat habe ihr der zuständige NLZ-Redaktor Robert Knobel daraufhin mitgeteilt, es sei «heikel» das Stimmvolk derart anzugreifen, zudem fürchte man negative Leserreaktionen. «Wir müssen immer wieder sehr sorgfältig abwägen, wie weit man gehen kann», erklärt Knobel auf Anfrage gegenüber dem «Kirchboten». Die jeweils freitags auf der Seite «Religion und Gesellschaft» erscheinenden Kolumnen seien keine «Carte blanche, deren Inhalt uns egal ist». Die Autorin, so Knobel, «unterstellt allen Ja-Stimmenden ziemlich direkt, sich nicht für Werte, die uns Menschen friedlich mit- und beieinander leben lassen, zu interessieren. Zudem schreibt sie, mit dem Abstimmungsresultat habe man die Botschaft des Evangeliums beerdigt. Wir wissen aus Erfahrung, dass Leserinnen und Leser auf solche Äusserungen im redaktionellen Teil sehr empfindlich reagieren.»
«Mich wundert sehr, dass man auf einer Religionsseite das Zeitgeschehen nicht mehr biblisch reflektieren darf», sagt Ruth Brechbühl, die seit etlichen Jahren zum Kreis von Autoren gehört, die sich abwechselnd zu selbst gewählten Themen äussern. «Ich habe dem Redaktor auch angeboten, allfällige Leserbriefe an mich weiterzuleiten ohne Erfolg.»
Seitens der NLZ habe man ihr schliesslich vorgeschlagen, die Kolumne zu «entschärfen» oder in einen Leserbrief umzuwandeln, andernfalls würde man sie nicht drucken. «Beides habe ich aber abgelehnt», so die Pfarrerin, «zumal es dann eine ganz andere Wirkung bekommen hätte.»
Ruth Brechbühl hat mittlerweile die Konsequenzen aus dem Vorfall gezogen und scheidet aus dem Autorenteam aus: Als jemand, der «die Freiheit der Verkündigung gewöhnt ist», sagt sie, «lehne ich es ab, für eine Zeitung zu schreiben, die mir auf gut Deutsch gesagt, das Maul verbietet».





Lesen Sie hier die abgelehnte Kolumne:

Willkommen
Reisen Sie auch gern? Ich selbst liebe es, Menschen in anderen Ländern und mir fremden Kulturen zu begegnen. Das schönste daran ist: fröhlich und freundlich willkommen geheissen zu ­werden. Ein gutes Erlebnis, denn es bereichert, öffnet neue Horizonte. Und selbstverständlich möchte ich diesen Menschen zurückgeben, was sie mir geschenkt haben. Selbstverständlich nicht einfach, weil es in der Bibel geschrieben steht oder weil Jesus es gesagt hat: «Wie immer ihr wollt, dass die Leute mit euch umgehen, so geht auch mit ihnen um! Denn darin besteht das Gesetz und die Propheten.» (Mt 7,12)
Einleuchtend für alle Christinnen und Christen! So dachte ich bis vor knapp zwei Wochen, denn dieser Vers ist die elementare Basis für ein christliches Abendland. Doch nur etwa ein Drittel findet es selbstverständlich, ein gutes weiteres Drittel interessiert sich nicht für Werte, die uns Menschen friedlich mit- und beieinander leben lassen.
Ist diese Botschaft wertlos geworden? Weshalb? Haben wir als Christinnen und Christen es versäumt, diese Werte lebendig bleiben zu lassen? Es scheint so. Die Angst, keinen Platz mehr in der Welt zu haben, ist sichtbar grösser als die Einsicht, dass mir Platz angeboten wird, wenn ich ihn selbst auch anbiete: Denn darin besteht das befreiende des Evangeliums!
Zu Gefangenen im eigenen Land sind wir nun geworden. Ach, wo bleibt sie nur, die befreiende Botschaft des Evangeliums? Haben wir sie gleichzeitig mit den elementaren Werten beerdigt? Ich fürchte es. Aber wir lassen uns nicht gefangen nehmen. Wir stehen weiterhin sichtbar und spürbar ein für die goldene Regel, wie der Evangelist Matthäus sie uns überliefert hat, und wir sagen den Gästen in unserem Land fröhlich und freundlich: Willkommen!
Ruth Brechbühl Pfarrerin, Stansstad



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Annette Meyer zu Bargholz


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