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Was ist ein guter Vater?

01.01.2016
Früher galt: Vater wirds schon richten. In der Zeit der Patchwork- familien und der Gleichberechtigung scheinen die Anforderungen an die Väter nicht mehr so klar. Gerade deshalb ist Eltern sein heute schön und anstrengend, meint Eheberater Marco Achermann.

Herr Achermann, was ist ein guter Vater?
Jemand, der mit bestem Wissen und Gewissen den Kontakt zu seinen Kindern herstellt, diesen pflegt und versucht, ihnen die Welt aus seiner Sicht zu erklären.

Heute müssen Väter vielen Ansprüchen genügen. Männer müssen Karriere machen, im Haushalt mithelfen, Zeit für die Kinder haben, ein guter Liebhaber sein ...
Und erst noch die Wäsche bei der richtigen Temperatur waschen.

Richtig. Stellt dies nicht eine Überforderung dar?
Mensch zu sein und dazu eine Familie zu haben, ist grundsätzlich eine Überforderung. Bei all dem dreht es sich um die Frage, wie kann ich möglichst erfolgreich scheitern.

Im Ernst: Ist die Erkenntnis, dass man alles nur falsch machen kann, der erste Schritt in die richtige Richtung?
Viele Paare scheitern am Anspruch, perfekt zu sein und alles perfekt erledigen zu wollen. Das stellt sie vor eine unmögliche Aufgabe. Woher nehmen sie sich all die Zeit und Energie für Kindererziehung, Beruf, Paarbeziehung, für sich selbst und oftmals für die eigenen Angehörigen? Wenn Partner dann aus Enttäuschung und Frustration die Fehler beim anderen suchen, kommt es zum Konflikt. Wenn ein Paar sich jedoch eingesteht, die Aufgabe ist schwierig und wir haben uns trotzdem gern, dann legen sie eine Basis für eine gute Beziehung.

Das Gleiche gilt für das Vatersein?
Ja. Man kann nicht alles gleichzeitig perfekt erledigen. Man kann hingegen perfekt scheitern. Erziehung braucht eine gewisse Gelassenheit und Zuversicht. Mit etwas gutem Willen und Engagement kommt es meistens gut.

Ihre Gesprächsgruppen besuchen jene, bei denen es nicht gut ging. Über welche Schwierigkeiten diskutieren die geschiedenen und getrennten Männer?
Meist darüber, wie sie den Kontakt zu ihren Kindern aufrechterhalten können. Die Männer fühlen sich ausgeliefert und ohnmächtig und haben das Gefühl, ihre Frauen können machen, was sie wollen. Sie beeinflussen die Kinder und hintertreiben das Besuchsrecht. Eigentlich haben diese Männer keine Chance. Wie sollen sie das Besuchsrecht durchsetzen, wenn beispielsweise das Kind immer an dem Wochenende, das ihnen zusteht, krank wird? Sie von der Polizei vorführen lassen? Daran wird auch das neue Scheidungsrecht wenig ändern.

Oftmals haben Mütter und Väter verschiedene Vorstellungen von der Erziehung.
Ja. Jeder Elternteil bringt seine eigene Auffassung mit. Sie will etwa, dass die Tochter in die Kantonsschule geht. Er sieht eine Lehre als sinnvoll an. Man redet darüber und findet einen Kompromiss. Bei manchen ist dieser Austausch so widersprüchlich und intransparent, dass die Kinder darunter leiden. Schwierig wird es, wenn man dem anderen die Erziehungskompetenz abspricht oder ihn gar zum Psychiater schicken will.

Viele der heutigen Väter stammen aus einer Generation, in der der eigene Vater abwesend war. Ist es da schwieriger seine Rolle als Vater zu finden?
Das ist verschieden: Für die einen ist der eigene Vater ein Vorbild, von dem sie ausgehen. Andere haben ihren Vater als einengend erlebt. Das motiviert sie, es mit ihren Kindern ganz anders zu versuchen. Ich denke, die Erziehung ist heute anspruchsvoller geworden, da man aus verschiedenen Möglichkeiten auslesen und entscheiden muss. Auf der anderen Seite ist man freier: Früher wurden Männer schief angeschaut, wenn sie auf dem Spielplatz sassen. Heute erhalten diese Väter von den Müttern anerkennende Blicke.

Brauchen Kinder Väter als männliche Vorbilder?
Kinder brauchen beides, Mutter und Vater. Gerade auch, weil sie unterschiedliche Sichten auf die Welt haben. Als Kind sieht man, wie sich die Eltern nicht einig sind und damit umgehen. Zu erleben, wie Menschen verschiedene Standpunkte und Qualitäten haben und damit umgehen, gibt einem eine wichtige Kompetenz. Man hat später einen breiteren Hintergrund, um die Welt anzugehen, wenn man die männliche und weibliche Seite kennengelernt hat. Von daher ist es von Vorteil, wenn Kinder auch typisch männliche Eigenschaften wie Kraft, Mut oder Dynamik positiv erleben.

Sie sprechen von Vorteil. Was geschieht, wenn der Vater abwesend ist?
Wer ohne Vater aufwächst, hat ein anderes Gesichtsfeld. Doch ein Pauschalurteil abzugeben ist schwierig. Es gibt etliches anderes, das einen beeinflusst. Meist gibt es andere Bezugspersonen, etwa der neue Lebenspartner der Mutter oder einen Verwandten.

Heute leben viele in Patchworkfamilien. Wie sehr kann ein neuer Partner den Vater ersetzen?
Null Komma null! Der neue Partner kann den leiblichen Vater nicht ersetzen. Es graut mir jeweils, wenn Kinder den neuen Partner der Mutter «Papi» nennen. Mich beschleicht da der Verdacht, dass die Mutter versucht, den leiblichen Vater zu verdrängen und das Gewesene nichtig zu machen. Wenn der Vater nicht vorhanden ist, dann kann der neue Lebenspartner der Mutter eine gewisse Vorbildfunktion übernehmen.

Wird der Vater im Zeitalter der Samenspenden nicht überflüssig?
Nein. Wir alle wollen wissen, woher wir kommen und wer unsere Mütter und Väter sind. Auch adoptierte Kinder wollen herausfinden, wer ihre leiblichen Eltern sind. Lange Zeit verhinderte man bei Adoptionen, dass die Kinder Auskunft darüber erhielten. Für viele wurde dies zum traumatischen Erlebnis.

Heute heiratet man oftmals nicht nur eine neue Frau, sondern eine ganze Familie. Was raten Sie dem neuen Lebenspartner?
Er soll sich bewusst sein, dass er nicht der leibliche Vater ist und sich nicht in die Erziehung einmischen. Er darf höchstens die Mutter als Partner coachen. Auf der anderen Seite bedeutet das nicht, dass er nichts zu sagen hat und nur das Portemonnaie der Familie ist. Als Lebenspartner der Mutter und neues Familienmitglied kann er durchaus eine wichtige Rolle einnehmen. Im besten Fall wird man zum guten Freund der Kinder.

Und wenn die Kinder den neuen Lebenspartner ablehnen?
Das hängt einerseits von der Mutter ab und andererseits vom leiblichen Vater. Wenn dieser beispielsweise seinem Sohn erklärt, ich habe Freude, dass Mami wieder jemanden gefunden hat, der gute Seiten hat und mit dem du Fussballspielen kannst, dann wird das Kind leichter einen Zugang finden. Doch wenn der Vater erklärt, der Neue sei schuld und nur wegen ihm gehe es ihm so schlecht, dann geraten die Kinder in einen Interessenkonflikt. Kinder lieben beide Elternteile. Sie wollen, dass es ihnen beiden gut geht. Wenn das Kind erlebt, dass die Mutter unglücklich ist, wenn es zum Vater geht, wird es ihr später erzählen, beim Vater sei es schlimm gewesen. Obwohl es nicht stimmt. Permanent muss sich ein Kind überlegen, was es erzählt, etwa von der Freundin des Vaters, die eigentlich nett ist und gut kochen kann.
Kommen die Finanzen ins Spiel, wird es heikel: Beispielsweise, wenn die Mutter erklärt, du kannst nicht ins Skilager, weil der Vater die Zahnarztrechnung nicht bezahlen will. Sobald er zahlt, darfst du ins Skilager. Aus der Sicht des Konflikts zwischen den Eltern ist dies verständlich. Für das Kind hingegen ist das destruktiv.

Was raten Sie Müttern und Vätern?
Sie sollten sich als funktionierendes Elternteam verstehen mit dem Hauptinteresse, die gesunde Entwicklung ihrer Kinder zu fördern. Das Schönste wäre, wenn Eltern einsehen, dass sie, ob sie sich lieben oder Todfeinde sind, ihre Aufgabe erfüllen müssen. Gerade in der Anfangsphase der Trennung fehlt oftmals diese Einsicht.

Wie wichtig ist es, dass Väter Windeln wechseln?
Wichtig für wen? Für den Vater, die Mutter oder die Kinder?
Für die Beziehung zum Kind? Bei meinen zwei Söhnen habe ich gerne die Windeln gewechselt. Das bot mir die Gelegenheit zum Knuddeln. Für eine Frau ist es schön, zu erleben, dass der Vater zu seinem Kind eine gute Beziehung pflegt. Wenn es jemanden jedoch «gruset», sollte er es sein lassen. Das bringt nur Aversionen. In der Erziehung rate ich den Eltern, Neues auszuprobieren und zu erkunden, was gut tut.
Das Gleiche gilt auch für Mütter, die das Gefühl haben, ihre Kleinen keine Sekunde aus den Augen lassen zu dürfen. Sie dürfen ihre Kinder ruhig einmal dem Vater für einen halben Tag überlassen. Der klassische Konflikt zwischen Eltern besteht ja darin, dass sie sagt, er kümmere sich nie um den Kleinen und er ihr antwortet, was soll ich tun, ich mache doch alles immer falsch.

Gibt es ein persönliches Erlebnis, das für Sie das Vatersein ausdrückt?
Meine Söhne sind inzwischen erwachsen. Als der Älteste fünf Jahre alt war, gingen wir Campen und schlugen am Waldrand unsere Zelte auf. Um unsere Zelte legten wir eine Schnur aus, damit der Fuchs unsere Sachen nicht klaute. Für die Söhne war dies ein riesiges Abenteuer.

Oft sind es ja diese Momente, an die wir uns gerne erinnern.
Ja, es sind eigentlich die Kleinigkeiten. Um es mit Kindern schön zu haben, braucht es nicht den Europapark. Cervelat-Bräteln am Waldrand ist für Kinder schon ein spannendes Abenteuer.



Beratung
Elbe, Ehe-, Lebens- und Schwangerschaftsberatung
Hirschmattstrasse 30b, 6003 Luzern, Tel. 041 210 10 87


Buchtipps
Peter Ballnik: «Vater bleiben auch nach der Trennung», mvg Verlag, München, 2008

Peter Ballnik: «Das Papa-Handbuch für Kinder ab 3», GU-Verlag, München, 2010

Uwe Birnstein: «Väter in der Bibel, 20 Porträts für unsere Zeit», Verlag Herder, Freiburg 2013

Interview: Tilmann Zuber


Marco Achermann


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