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Falsches Zeichen zur falschen Zeit

01.01.2016
Im Mai entscheidet Exit, ob sich die Sterbehilfeorganisation für den Altersfreitod starkmachen will. Suizidhilfe für gesunde Betagte ist für Theologen ein Schritt in eine problematische Richtung.

Exit steht vor einer wegweisenden Generalversammlung. Die Delegierten entscheiden Ende Mai, ob sich die Sterbehilfeorganisation in Zukunft stärker für den «Altersfreitod» engagieren soll. Auch gesunde betagte Menschen sollen mit der Hilfe von Exit ihrem Leben ein Ende setzen können. Bei der steigenden Lebenserwartung und der individuell geprägten Lebensgestaltung müsse man sich offen mit dieser Frage auseinandersetzen, fordert Exit-Vizepräsident Bernhard Sutter. Die Chance, dass die Neuerung an der Generalversammlung angenommen wird, steht gut: Bei einer konsultativen Mitgliederbefragung begrüssten über 90 Prozent der Antwortenden diesen Schritt.

Druck auf Betagte steigt
«Altersfreitod» oder «Bilanz-Suizid» sind für die Kirchen problematisch: Der Theologe Frank Mathwig, Beauftragter für Theologie und Ethik beim Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund, warnt davor, dass der Druck auf ältere Menschen weiter zunehmen werde, über den Suizid die Gesellschaft finanziell zu entlasten. Gegenüber den Medien erklärte
Mathwig: «Es darf nicht sein, dass der Mensch nur noch Mensch ist, solange er anderen nicht zu Last fällt. Sonst wird unsere Pflicht zu Fürsorge und Solidarität pervertiert.»

Problematische Debatte
Als «falsches Zeichen zur falschen Zeit» bezeichnet Heinz Rüegger, Theologe, Gerontologe und Ethiker, die Ausweitung der Sterbehilfe für Altersmüde. Rüegger ist selbst Mitglied der Sterbehilfeorganisation und stellt das Grundanliegen von Exit nicht infrage: «Es gibt im Leben Krankheiten mit Schmerzen und Leiden, bei denen der assistierte Suizid ein letzter Ausweg darstellen kann. Doch mit der Forderung nach einer Ausweitung der Hilfe zu einem Bilanz-Suizid lanciert Exit eine Debatte, die eine problematische Entwicklung in der Gesellschaft fördert.» Schon heute habe das hohe Alter in unserer jugendverliebten Kultur das negative Image von Gebrechen und Leiden. «Die Gesellschaft muss wieder lernen, dass Krankheit, Alter und Leiden normal sind und zum Leben gehören.» Eine solidarische Gesellschaft sei bereit, dies mitzutragen. «Sie vermeidet alles, was Leuten suggerieren könnte, würdig zu sterben setze voraus, möglichst sauber, ohne grössere Belastungen und ja rechtzeitig aus dem Leben zu scheiden.»
Um das Image des hohen Alters zu verbessern, lancieren die Reformierten und Katholischen Kirchen gemeinsam mit Pro Senectute eine Kampagne mit dem Titel «Alles hat seine Zeit». Mit Porträts von Betagten und Veranstaltungen möchten die Initianten für ein differenziertes Bild des Alters sensibilisieren. Denn auch im hohen Alter ist sinnvolles Leben möglich.

Tilmann Zuber


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