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«Tangere» vom Leben berührt und verwandelt

01.01.2016
Die Ausstellung «Tangere» zum Auftakt der Art Basel nimmt das Thema Versehrtheit auf und berührt mit ausdrucksstarken Skulpturen des Künstlers Dietrich Klinge an einem stimmigen Ausstellungsort.

Die Figuren sind eindrücklich und berühren: Körper, Köpfe und Hände. Sie sind stets gezeichnet und versehrt, ja das Leben hat sie auf seine Weise berührt und seine Spuren hinterlassen. Die Skulpturen des Künstlers Dietrich Klinge werden zum Start der Art Basel am 5. Juni zu sehen sein und im Kreuzgang des Basler Münsters bis im zum 25. September bleiben. Münsterpfarrer Lukas Kundert nimmt das Thema auf: «Das Leben eines jeden Menschen trägt unendlichen Reichtum in sich. Dieser Reichtum wird umso deutlicher vor der Einsicht, wie ausgesetzt und verwundbar menschliches Leben immer auch ist. Leben ohne Berührung (lateinisch tangere = berühren) ist unmöglich, und zugleich lassen die Berührungen des Lebens den einzelnen Menschen auch nicht unversehrt.» Die angesprochene Versehrtheit des Menschen steht denn auch ganz im Zentrum der Ausstellung, die ganz bewusst im Kreuzgang angesiedelt wurde. Lukas Kundert: «Wir haben den Kreuzgang gewählt, weil er eine alte Friedhofsanlage ist, in der viele bedeutende und unbedeutende Vorfahren liegen, und der damit die Thematik von Reichtum, Versehrtheit und Auferstehung bereits seit Jahrhunderten in das Zentrum unserer Stadt spricht.»
Am Eingang des Kreuzgangs werden die Besucher mit der Figur «Gordian IX» konfrontiert. Eine übergrosse Bronzeplastik, die das Motiv des Gekreuzigten aufnimmt und damit auch die Besonderheit des Ausstellungsorts markiert. «Gordian IX» hat sein Spiegelbild auf der Innenseite des Eingangsportals, punktgespiegelt auf der linken Seite, wenn man durch das Portal schreitet. Es ist das Utenheim-Grabmahl. In der Reformationszeit ist das Werk stark beschädigt worden. «Der Rat der Stadt Basel hat das nie entfernen oder ausbessern lassen. Der Gekreuzigte ist auch hier der Versehrte», erklärt der Münsterpfarrer den örtlichen Bezug.

Figur und Raum treten in eine Beziehung
Die Standorte der einzelnen Figuren wurden ganz bewusst ausgewählt. So steht die Plastik «Tangere» nicht von ungefähr in der Magdalenenkapelle. Eine Frauenfigur, in der man auch Maria Magdalena erkennen kann. Sie, die in der Geschichte der Christenheit so manche Verletzung hinnehmen musste. Ihr steht das «noli me tangere», das «berühre mich nicht» des Auferstandenen gegenüber, den sie als Erste an seiner Stimme erkannte. Von dieser Begegnung berührt, ohne selbst zu berühren, zeugt sie vom Auferstehungswunder.
Zwei weitere Figuren tragen den Titel «Metamorph» (Verwandlung). Eine Plastik wurde auf einer Grabplatte platziert. Sie zeugt von jenen, die durch den Tod gewandelt uns als Lebende in Gott vorausgegangen sind. Auferstanden nicht im eigenen Körper, sondern gewandelt im Lichte Christi. Und doch: Schöne Worte, die dem Anblick der versehrten, verstellten Plastiken versuchen zu bestehen. Figuren zwischen Leben, Tod und Auferstehung. Münsterpfarrer Lukas Kundert formuliert seine Gedanken zu den Figuren: «Kein schöner Anblick? Die Unversehrtheit des Lebens ist ein verführerischer Wunsch. Leben versehrt, und gerade deswegen ist es schön. Schönheit des Lebens und Ästhetik werden sich nicht finden. Das Leben wird stärker bleiben.» Auch nach dem Tod.

«Tangere»: Kreuzgang des Basler
Münsters, Donnerstag, 5. Juni, 18 Uhr (Vernissage) bis 25. September. Täglich von 9 bis 19 Uhr geöffnet.

Franz Osswald


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