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Bedrohter Glaube im Ferienparadies

01.01.2016
Jährlich fliegen Hunderttausende von Westeuropäern in exotische Länder. Die wenigsten sind sich bewusst, wie dort die Situation der Menschenrechte und Glaubensfreiheit aussieht.

Es hätte so schön sein können: Unter der Sonne des Pazifiks wollte ein Schweizer Paar an einem Traumstrand auf den Malediven das Ehegelübde erneuern. 1300 Dollar hatten sie für die romantische Trauungszeremonie inklusive Segen durch einen einheimischen Priester in der lokalen Sprache Dhivehi hingeblättert. Doch während das Paar andächtig der Ansprache lauschte, beschimpfte sie der Priester aufs Gröbste. Erst später, als ein Sprachkundiger das Video sah, erfuhr das Paar, dass der Priester sie als Schweine und Ungläubige beleidigte. Statt sie zu segnen verfluchte sie der muslimische Priester.
Jährlich fliegen Hunderttausende von Westeuropäern in die Ferien. Die wenigsten sind sich bewusst, wie die Reiseländer Religion, Menschenrechte und Glaubensfreiheit handhaben. In einigen Ferienländern werden Christen diskriminiert oder gar verfolgt, erklärt Patrick Schäfer, Leiter von Open Doors Deutschschweiz. Während die Touristen an den Pools der Ferienresidenzen sonnen, haben sie davon keine Ahnung.

Nordkorea an erster Stelle
Jährlich veröffentlicht Open Doors einen Weltverfolgungsindex, der fünfzig Länder auflistet, die Christen am stärksten unterdrücken. Nordkorea ist auf dem Index trauriger Spitzenreiter. Das Regime von Kim Jong-un verfolgt Christen unbarmherzig: Gläubige werden in Arbeitslagern eingesperrt oder zu Tode gefoltert. Doch auch auf dem afrikanischen Kontinent kommt es vermehrt zu Übergriffen auf Christen. Vorfälle werden aus Tansania, Uganda, Niger, Nigeria oder aus den Ländern des Arabischen Frühlings gemeldet.
Auch in den klassischen Feriendestinationen werden Christen unterdrückt und diskriminiert. Vorab auf den Malediven, auf denen der Islam Staatsreligion ist. Konvertiert jemand zu einem anderen Glauben, so verliert er die Staatsbürgerschaft. Der Besitz der Bibel ist verboten. Kirchen gibt es auf den Inseln nicht. Die Bevölkerungsdichte ist sehr hoch. Vor allem in der Hauptinsel Malé, erklärt Patrick Schäfer. Das lasse den Christen kaum Raum, um ihren Glauben zu leben. Alles geschehe im Geheimen.
Von der Diskriminierung der Christen bekommen die Gäste in den Ferienresorts wenig mit. Sie genies-sen die Idylle von Sonne, Strand und Meer. Der Reiseveranstalter oder der Club sorgt bei der Trauung für die gewünschte Zeremonie inklusive Pastor oder Pfarrer. Für Touristen gelten andere Regeln. Bald dürfte sich dies ändern, meint Patrick Schäfer. «Schon mit der Bibel ins Land einzureisen, könnte Probleme mit sich ziehen.» Der Tourismus ist der wichtigste Wirtschaftszweig des Inselstaates. Die islamische Regierung ist auf die Finanzen der Gäste aus Europa angewiesen.

Übergriffe auf Christen
Andere Feriendestinationen, in denen es zu Übergriffen auf Christen kommt, sind Ägypten, Marokko, Tunesien, Kenia, China oder Indien. In Nordafrika führte der Arabische Frühling dazu, dass die Machthaber gestürzt wurden und ein Machtvakuum entstand.
In Ägypten habe sich die Lage für die Christen seit Abdel Fattah al-Sissi Präsident ist, verbessert, meint Patrick Schäfer. Auch in China anerkennt heute der Staat einige christliche Kirchen. Dagegen setzen extreme Hinduisten die Christen in Indien immer stärker unter Druck. Die meisten Christen gehören der untersten Kaste an. In gewissen Regionen werden Christen diskriminiert und Opfer von Gewalt. Kocht die Volksseele, so geht bald einmal eine Kirche in Flammen auf.

Fragwürdiger Boykott
Soll man diese Ferienländer meiden? Abgesehen von den Malediven hält Patrick Schäfer eine solche Massnahme für kontraproduktiv. «Ein Boykott ist ein zweischneidiges Schwert», sagt er. Meist träfen sie die Armen in der Gesellschaft. «Und fehlen dem Staat die Finanzen, so hat er keine Mittel, um gegen die radikalen Gruppierungen vorzugehen», so Patrick Schäfer.
Christine Plüss von «fairunterwegs» hält einen Boykott von Ländern, die gegen die Glaubensfreiheit verstossen, für fragwürdig. Seit Jahren sensibilisiert «fairunterwegs» die Reisebranche für das Thema der Menschenrechte. Mit Erfolg: Gerade kürzlich bekannte sich der Schweizer Reise-Verband zu seiner Verantwortung und trat dem Roundtable «Menschenrechte im Tourismus» bei.
Christine Plüss kennt genügend Beispiele, wie ethnische und religiöse Minderheiten in Ferienländern diskriminiert und verfolgt werden. Nicht nur christliche. In Burma etwa unterdrückt die buddhistische Militärdiktatur die Minderheit der Hindus und Christen.
In Sri Lanka wird kaum ein Tourist bemerken, dass im Hotel nur Singalesen arbeiten. Die Tamilen finden kaum einen Job. Als Hindu-Gläubige werden sie nicht angestellt. Für Christine Plüss sind solche Diskriminierungen und Übergriffe Gift für den Tourismus: «Nach der Revolution ist der Tourismus in Ägypten zusammengebrochen. Zum Schaden für die ganze Bevölkerung.»



Open Doors
Jährlich veröffentlicht Open Doors einen Weltverfolgungsindex, der die Verfolgung, Vertreibung und Diskriminierung von Christen und Christinnen in 50 Ländern festhält.
Die zehn Spitzenreiter dieser unrühmlichen Liste waren 2013:
> Nordkorea
> Somalia
> Syrien
> Irak
> Afghanistan
> Saudi-Arabien
> Malediven
> Pakistan
> Iran
> Sudan

Open Doors wurde 1955 in den Niederlanden als unabhängiges christliches Hilfswerk gegründet. Auch der Schweizerische Evangelische Kirchenbund forderte in den letzten Jahren den Bund mehrfach auf, sich für die vertriebenen Christen, vorab aus dem Irak, einzusetzen.




Zum Bild: Trügerische Ferienidylle: Was ausserhalb des Clubresorts in Sachen Menschenrechte geschieht, wissen die wenigsten. | keystone (montage)

Tilmann Zuber

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