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«Basel 89» Konzil der Kirchen im Kalten Krieg: «Ich habe den Himmel über Basel offen gesehen» (1)

01.01.2016
Vom 15. bis 21. Mai 1989 fand in Basel die erste Europäische Ökumenische Versammlung «Frieden in Gerechtigkeit» statt. Peter Felber, vor 25 Jahren Informationsbeauftragter der Evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt, war damals dabei.

In Basel kam es im Mai 1989, kurz vor dem Fall der Berliner Mauer, zur ersten Europäischen Ökumenischen Versammlung. Welche Bilder kommen in Ihnen hoch, wenn Sie an dieses Ereignis denken?
Peter Felber: Es waren die Menschenmassen. Bei den Events in der Stadt, beim Morgengebet im Münster, in den Kirchen der Stadt und bei den abendlichen Hearings. Menschenmengen, die Gegensätze vereinten: Geistliche und Laien, Amtsträger im kirchlichen Ornat und alternativ Gekleidete, in sich Gekehrte und Aktivisten. Alle waren fokussiert, konzentriert und in Erwartung.

In Erwartung auf etwas Grosses?
Dass da etwas Besonderes im Gange war und die höchsten Erwartungen erfüllt wurden, ahnte ich schon nach den Eröffnungsfeierlichkeiten. Nach der Versammlung habe ich enthusiastisch geschrieben: «Ich habe den Himmel über Basel offen gesehen.» Was hat mich dazu veranlasst? In der Welt des Kalten Krieges, der seit Jahrzehnten unsere Welt prägte, gab es nur Polaritäten. In Basel waren die Gegensätze zusammen, dennoch redeten alle miteinander und hörten aufeinander und wurden dadurch sichtlich bewegt. Eine erstarrte Welt schien flüssig geworden zu sein.

Politisch herrschte in jenen Tagen noch immer Kalter Krieg ...
Ja, der Nato-Doppelbeschluss von 1979 hatte zwar neue Verhandlungen zwischen den Blöcken angestrebt, gleichzeitig aber auch zu einer neuen Generation von Atomraketen geführt. Und dann war da noch Tschernobyl 1986. Aus diesen beiden Gründen hat der Aufruf des Physikers Carl-Friedrich von Weizsäcker, die Kirchen müssten ein Konzil einberufen für den Frieden in der Welt, eine derart breite Resonanz gefunden.

Die Themen des «Konziliaren Prozesses» stellten sich in Basel als brandaktuell heraus. Manches von dem, was dort angedacht wurde, wurde mit der 89er-Wende wenige Monate später zeitgeschichtliche Wirklichkeit. Wie haben Sie das wahrgenommen?
Die Menschen aus der DDR, die beim Dreiländereck-Marsch an der Versammlung beim Überschreiten von Grenzen geweint hatten, weil Grenzen in ihrem Alltag einfach unüberschreitbar waren, erlebten die Realisierung dieser symbolischen Aktion in ihren politischen Verhältnissen dann zu Hause mit dem Mauerfall in Berlin. «Friede in Gerechtigkeit» nie wurde ein visionäres Motto so schnell lebendige Wirklichkeit.

Die Kirchen verabschiedeten ein Schlussdokument, das inhaltlich von beträchtlicher Radikalität war. Was macht dieses Dokument für Sie so besonders und was ist sein Vermächtnis?
Das Schlussdokument von Basel formuliert in radikaler Schärfe Ziele. Es wurde in einer pfingstlichen Atmosphäre geboren, in der 700 Delegierte über den richtigen Weg zu diesen Zielen diskutierten und unterschiedliche Auffassungen hatten. Basel war somit eine Übung der Demut, die sich darin äusserte, dass man einander zuhörte und andere Meinungen gelten liess. Die unversöhnliche und polarisierende Härte, die Basisgruppen-Versammlungen heute an den Tag legen etwa während der ökumenischen Versammlung von Mainz im Mai 2014 gab es in dieser Weise in Basel nicht. Die neue Weltgesellschaft des 21. Jahrhunderts können wir nicht über radikale Fundamentalismen und polarisierende Verurteilungen verwirklichen.

Der Konziliare Prozess kam nach Basel ins Stocken. Wo sehen Sie die Gründe dafür?
Ich habe damals den Himmel offen gesehen. Unsere Zeit jedoch entwickelt sich so rasant. Eine zweite Erfahrung ist auch die, dass schon Wochen danach kaum mehr jemand in Basel von dieser Versammlung sprach. Sie hatte viele Menschen in Bewegung gesetzt, aber nicht nachhaltig bewegt. Ich bin deswegen nicht enttäuscht. Aber das hat in mir die Einsicht bestärkt, dass jede Zeit sich der konziliaren Aufgabe neu aussetzen muss. Es ist ein Prozess.

Anderseits sagen manche Zeitzeugen: Die Ökumenische Versammlung in Basel hat in der Kirche Schweiz viele Spuren hinterlassen. Können Sie ein Beispiel nennen?
Ausgehend vom zündenden Funken dieser Versammlung, haben Kirche und Wirtschaft darin eingebunden «Big Pharma» in Basel die Leprahilfe gegründet. In den Lepraländern konnten kirchliche Basisgemeinden zur Zusammenarbeit vor Ort gewonnen werden. Pharma, Marketing und Kirchen: Solches hat «Basel 89» ermöglicht!
Was hat «Basel 89» in Ihnen ganz persönlich bewirkt?
«Basel 89» hat mein Leben ungemein bereichert. Ich habe zudem viele interessante Menschen kennen gelernt und die anderslautende Auffassung eines Gegenübers ist möglicherweise auch eine Ressource zur Erreichung eines guten Ziels.


Zum Bild: In Zeiten des Kalten Krieges und einer mit Mauern und Todesstreifen abgeriegelten DDR wurde der Dreiländermarsch ohne Grenzen zum tiefen Erlebnis für jene Teilnehmenden, die aus dem Ostblock an die Versammlung in Basel kamen. | Bilder: Archiv Moser-Ehinger

Vera Rüttimann /Kipa


Peter Felber.


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