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«Die Überanpassung von Frauen führt zu Frustration»

01.01.2016
Was läuft in der Schweizer Familienpolitik schief? In Liestal diskutierten Nationalrätin Maya Graf, Pfarrerin Judith Borter und Pfarrerin Doris Wagner.

Bundesrat Ueli Maurer vergleicht Frauen mit Haushaltsgegenständen. Roland Müller, Direktor des Arbeitgeberverbandes, erklärte, die Frauen strengten sich zu wenig an und seien selber schuld daran, dass sie weniger verdienen als Männer. Warum können Männer sich heute öffentlich so äussern? Was ist los mit der Frauenbewegung?
Maya Graf: Ich spüre eine gewisse Erschöpfung. Um alles mussten und müssen wir lange kämpfen, sei es das Frauenstimmrecht, das neue Eherecht oder die Mutterschaftsversicherung. In der Schweiz haben wir ein patriarchalisches System, das noch in allen Köpfen ist. Viele Frauen nehmen bis nach der Ausbildung keine Unterschiede bei den Geschlechterrollen wahr. Erst wenn sie Familie und Beruf vereinbaren wollen, merken sie, dass sie anders behandelt werden als ihre Partner.
Doris Wagner: Richtig. Die Probleme beginnen dann, wenn die jungen Frauen Kinder bekommen.
Judith Borter: Die Schweiz ist familienpolitisch unterentwickelt.
Unterentwickelt tönt hart.

Wie meinen Sie das?
Maya Graf: Unsere Gesellschaft idealisiert ein bürgerliches Familienmodell die Frau bleibt als Mutter zu Hause, der Mann arbeitet. Viele qualifizierte Frauenarbeit geht so verloren. Die Vorstellung, dass Kinder nur glücklich sind, wenn sie von der Mutter alleine betreut werden, finde ich absurd. Die Rollenteilung ist noch keine hundert Jahre alt. In meiner Familie gab es das nie. Meine Vorfahren waren Bäuerinnen und Bauern. Die Bäuerinnen übrigens auch Arbeiterfrauen und Gewerblerinnen mussten, und müssen heute noch, arbeiten. Auf den Höfen kümmerten sich alle, Grosseltern, auch Väter und unverheiratete Verwandte um die Kinder. Kinder brauchen verschiedene Bezugspersonen, um sich zu entfalten.
Judith Borter: Unsere Familienpolitik benachteiligt auch die Väter. Sie müssen sich zwischen Familie oder Karriere entscheiden.
Doris Wagner: Den Männern fehlt der Wille, flexibel zu sein. Da wäre mehr möglich. Die Frauen müssen dies bei ihren Partnern einfordern.
Judith Borter: Oft mangelt es den Frauen am Selbstvertrauen. Leider unterstützen viele die bestehenden Rollenbilder.
Maya Graf: Das Problem ist, dass die Frauen sich in das Wirtschaftssystem einpassen, das die Männer nach ihren Vorstellungen geschaffen haben. Viele Frauen verlassen ihre Kader-
positionen nach ein paar Jahren, weil ihnen die Arbeitswelt nicht entspricht und sie einsam sind. Die Überanpassung der Frauen führt zu Erschöpfung, Rückzug und Frustration.

Wie könnte eine Gesellschaft aussehen, in der Frauen und Männer am gleichen Strick ziehen?
Maya Graf: Ich hoffe, dass unsere Gesellschaft wieder mehr zusammenrückt. Wohnformen, die Gemeinschaft fördern und nicht Vereinzelung, helfen Familien, alten Menschen, Alleinerziehenden und Alleinstehenden. Fällt heute die Betreuungsperson aus, kommt das Gefüge sofort ins Wanken. Der Druck auf den Einzelnen ist gross. In Afrika sagen die Leute, es brauche ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen. Das gefällt mir und gilt auch für alte Menschen, die betreut werden müssen. Zudem sollte der Vater oder die Mutter nach der Geburt eines Kindes ein halbes Jahr frei nehmen können, und wir brauchen heute gute Tagesstrukturen für die Kinderbetreuung. Die ganze Gesellschaft würde davon profitieren.

Müssten die Frauen mehr Druck auf die Politik machen?
Maya Graf: Wir müssen selbstbewusster auftreten. Unsere Anliegen sind kein «Frauenproblem». Sie betreffen die ganze Gesellschaft und brauchen darum eine gesellschaftliche Lösung. Nur so wird sich etwas ändern. Ich habe in Dänemark erlebt, dass es funktioniert. Die Däninnen und Dänen leben ein anderes Gesellschaftsmodell. Sie legen sehr viel Wert auf Familie, Zusammensein und Freizeit. Für die Kinder stehen Tagesstrukturen zur Verfügung. Die Eltern arbeiten weniger und sind bereit, dafür ihre Ansprüche zurückzuschrauben. Das hat mich beeindruckt. Wir hätten dann auch mehr Zeit, uns um die Menschen zu kümmern, die unsere Fürsorge brauchen.


Pfarrerin Judith Borter ist Leiterin der Fachstelle Gender und Bildung
Pfarrin Doris Wagner ist Präsidentin des Baselbieter Pfarrkonvents

Karin Müller

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