Logo

«Musik weckt Uremotionen» (3)

01.01.2016
Kirchenmusikprofessor Martin Hobi darüber, warum Musik unsere Seele berührt und was Organisten manchmal ärgert.

Herr Hobi, bald pilgern wieder Hunderte Klassikfans anlässlich des Lucerne Festivals ins KKL. Ist es eigentlich ein Unterschied, ob ich Musik allein daheim oder in Gesellschaft höre und erlebe?
Auf jeden Fall. Musik hat immer mit Kommunikation zu tun. Menschen möchten einen Live-Moment erleben, Freude oder Trauer in der Gemeinschaft teilen. Das Gefühl suchen auch Gottesdienstbesucher oder aber Fussballfans, die lieber im Stadion teils singend mitfiebern wollen als allein vor dem TV zu sitzen.

Das Motto der Festivals lautet in diesem Jahr «Psyche». Warum berührt Musik überhaupt unsere Seele?
Jenseits von Verstand und Vernunft ruft Musik bei uns Uremotionen hervor. Sie kann uns wohltun, fröhlich stimmen, uns aber auch aggressiv machen und im Extremfall sogar foltern.

Die Möglichkeit, den Menschen tief im Innersten zu berühren, macht sich auch die Kirchenmusik zunutze.
Am Festival wird jetzt mitten im Sommer Bachs Matthäus-Passion szenisch aufgeführt, um genau dies zu zeigen: Bachs im kirchlichen Kontext entstandene Kompositionen ergreifen die Menschen gleich welchen religiösen Bekenntnisses, sie berühren auch Zeitgenossen ohne religiösen Hintergrund.

Wie funktioniert das genau?
In der Barockzeit wurde die sogenannte Affektenlehre entwickelt. Wenn ein bestimmtes Motiv in der Musik vorkommt, wusste der Zuhörer, diese Ton- oder Rhythmusfolge steht zum Beispiel für Trauer oder jene für Freude. Das spürt auch noch der heutige Zuhörer, der die Codes vielleicht gar nicht mehr kennt. Bach hat den Vorgang des Leidens Jesu in musikalische Affekte übersetzt. Diese Codes oder Chiffren konnten Texte in gewisser Weise ergänzen oder ersetzen.

Welche Rolle spielen Texte überhaupt, wenn die Musik allein schon reicht, den Zuhörer zu ergreifen?
Die Anfänge der Kirchenmusik sind textbezogen. Die gregorianischen Gesänge kamen ganz ohne Instrumentalbegleitung aus. Später waren nur bestimmte Instrumente zugelassen. Im 19. Jahrhundert kam es dann vor allem auf den Musikstil an. Er bestimmte, was eine geistliche Musik ist.

Und heute?
Heute ist die Kirchenmusik stilistisch nicht mehr eng gefasst. Ob Mozart, Popularmusik, Einstimmiges, Mehrstimmiges jeder Stil ist möglich. Der Text entscheidet, ob ein Musikstück weltlich oder geistlich ist.

Doch gerade das Orgelspiel, also die Musik ohne Text, schafft für viele Gottesdienstbesucher erst die richtige «Kirchenatmosphäre» ...
Ich habe ein Problem damit, wenn jemand sagt: «Du hast ja heute schön umrahmt.» Als Organist will ich mit der Musik im Gottesdienst etwas bewirken: das Wort intensivieren, eine Reaktion bei den Menschen hervorrufen ein Gebet oder eine gute Tat.
Die Katholische Kirche kennt keine Musik, die «einfach so» musiziert wird. Auch das Orgelspiel begleitet Handlungen wie die Kommunion oder die Gabenbereitung. In der Evangelisch-reformierten Kirche gibt es die Tradition des Zwischenspiels nach der Predigt. Hier erklingt die Musik zwar ohne eine Handlung. Doch der Anspruch des Organisten, der diese Musik ausgewählt hat, ist es, mehr als nur einen Pausenfüller zu schaffen.

Am Anfang sprachen Sie die körperliche Wirkung von Musik an. Wann hatten Sie zuletzt Gänsehaut beim Hören von Musik?
Mich berührt weniger der Musikstil, als die Emotion, mit der die Musikerinnen und Musiker dabei sind.

Und wenn Sie einen Komponisten nennen müssten?
Ich mag die Komponisten der französischen Romantik, auch Bach ist ein unglaubliches musikalisches Phänomen. Als Jugendlicher habe ich Deep Purple und Led Zeppelin gehört und ich habe noch fast alle Frank-Zappa-Platten zu Hause.

Können Sie es als Kirchenmusiker nachvollziehen, wenn jemand von «Smoke on the Water» oder von Helene-Fischer-Schlagern mehr ergriffen wird als von einer Bachkantate?
Damit habe ich kein Problem. Bei der Rockmusik kommt zur Musik ja auch noch eine Botschaft hinzu der Gedanke der Rebellion. Die Musik sollte etwas bewirken. Beim volkstümlichen Schlager habe ich jedoch eher das Gefühl, dass die Fans zugunsten des Profits missbraucht werden. Viele Lieder werden nach bestimmten Codes zusammengesetzt, weil man weiss, die Leute «fahren darauf ab».


Martin Hobi, Jahrgang 1961, studierte Dirigieren, Orgel und Kirchenmusik in Zürich und Luzern. Er ist Professor für Kirchenmusik an der Hochschule Luzern-Musik




Musik und Psyche
Im Rahmen des Lucerne Festivals organisiert die Katholische Kirche Stadt Luzern die Vortragsreihe «Seelenlandschaften aus musikalischer und theologischer Sicht».
Ort: KKL Auditorium, Eintritt frei.

Sonntag, 17. August, 17.15 Uhr:
«Theologie des Herzens. Fragen zum Verhältnis von Theologie und Psyche». Referent: Hansruedi Kleiber SJ

Sonntag, 24. August, 18.15 Uhr:
«Seelenlandschaften in Sinfonien der Romantik. Das Spannungsfeld zwischen Form und Emotionalität bei Brahms». Referent: Rudolf Bosshard

Sonntag, 7. September, 18.15 Uhr:
«Vom Seelenbräutigam und der sich andachtsvoll ergiessenden Seele. Vom Umgang mit Texten bei Bach und Beethoven». Referent: Martin Hobi

Sonntag, 14. September, 15.45 Uhr:
«Ich habe gar ein zu empfindsames Herz. Gedanken zu Mozarts Spiritualität». Referent: Alois Koch

Annette Meyer zu Bargholz

Links:
Infos: www.lucernefestival.ch


ÄHNLICHE ARTIKEL