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«Veränderungen müssen von den Frauen ausgehen»

01.01.2016
Mission heute: Claudia Zeising ist für mission 21 in Tansania unterwegs. Die Agronomin macht den Frauen Mut, ihren eigenen Weg zu gehen.

«Ich habe unglaublich starke Frauen kennengelernt. Wunderbare, kraftvolle Frauen, die sich aber, sobald ein Mann dazukommt, nichts mehr zutrauen. Sie verstummen», erklärt Claudia Zeising. Geradezu schockiert sei sie gewesen, als sie sah, dass sich Frauen vor den Männern ehrerbietig auf den Boden legten. Das habe sie wütend gemacht und gleichzeitig motiviert, die Frauen zu stärken.
Seit 2009 arbeitet Claudia Zeising in den Frauenprojekten der Moravian Church in der Südprovinz in Tansania. Die Frauenarbeit umfasst in dieser Provinz etwa 80 000 Frauen. Afrika ist Zeisings grosse Liebe und Leidenschaft. Seit 1985 als die Agronomin nach Südafrika reiste. Ihre Rolle als Missionarin sieht sie als Vermittlerin von Wissen. «Wir Europäer sind privilegiert, weil wir Zugang zur Bildung haben», meint sie. «So haben wir die Verpflichtung, etwas davon weiterzugeben.» Den Austausch versteht die 58-Jährige nicht als Einbahnstrasse. Deshalb lautet eine ihrer ersten Fragen an die Frauen: «Was braucht ihr? Was wollt ihr verändern?» Die Veränderung müsse von den Frauen ausgehen, ist Claudia Zeising überzeugt. Ansonsten versande sie rasch. In ihrer Arbeit stärkt Claudia Zeising die Frauen in ihrem Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen. In manchen Familien würden Frauen wie Sklavinnen gehalten und geschlagen. Claudia Zeising ermutigt sie, ihren eigenen Weg zu suchen.
Manche, gerade jüngere Männer, fühlten sich dadurch bedroht. Wenn jedoch das Einkommen und die Ernte steigen, ändern sie ihre Haltung. Zu Zeisings Aufgaben gehört auch die Vermittlung von besseren Anbaumethoden oder die Gründung von Gruppen, in denen Frauen nähen und Kunsthandwerk herstellen. Die Nachfrage ist gross. Inzwischen verkaufen die Geschenkboutiquen in den grossen Hotels die Artikel. Gerne würde Claudia Zeising die Produkte nach Europa exportieren. Bis jetzt scheiterte dies unter anderem an der Bürokratie des afrikanischen Staates. «Man darf hier nicht zu viel wollen», schmunzelt sie. «Afrika lehrt Geduld. Meist sieht man den Erfolg erst nach vielen Jahren Einsatz.»

Gegen die Tabuisierung von Aids
In Tansania wie auch in anderen afrikanischen Ländern grassiert Aids. Unzählige fallen der Krankheit zum Opfer. Frauen werden Witwen, Kinder zu Waisen. Ein Grund für die Ausbreitung des HIV-Virus sieht Claudia Zeising in der Tabuisierung der Krankheit. «Es ist traurig, wenn gerade junge Menschen lieber sterben, als sich testen zu lassen.»
Für die Kirchgemeinde war es ein Schock, als eine ihrer Pfarrerinnen, Melania Mrema Kyando, vor zehn Jahren erklärte, dass sie HIV-positiv sei. Ihr Ehemann, der inzwischen verstorben ist, hatte sie angesteckt. Claudia Zeising erlebte, wie viel Kraft und Gebete es brauchte, bis sich die Pfarrerin outete und die Herrnhuter Kirche dies guthiess. 2010 gründete die Pfarrerin eine Selbsthilfegruppe, die andere motiviert, zur Krankheit zu stehen und offen über ihre Geschichte zu reden. Im Juli 2014 erschien ein Buch «The joy of being alive» in Englisch, Deutsch und Suaheli, in dem die Betroffenen erzählen, wie sie mit dem HIV-Virus leben. Das Buch ist ein Plädoyer für einen offenen Umgang mit Aids. Für Claudia gehören solche Projekte zum Alltag einer Missionarin.

D. Ardrian, T. Zuber

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