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Wenn Bildung Sünde ist

01.01.2016
Was hilft gegen religiösen Fundamentalismus? Selber lesen, frei denken, eigenständig fragen. Ein Kommentar von Margot Kässmann.

«Islamisten rücken auf Bagdad vor», «Hinduistische Fundamentalisten stürmen ­Moschee», «Buddhistische Fundamentalisten vertreiben muslimische Rohingyas», «Jüdische Orthodoxe bauen Siedlungen in Palästina», «Christliche Fundamentalisten verbieten ihren Kindern, zur Schule zu gehen» Schlagzeilen, die die Vermutung nahelegen: Religiöser Fundamentalismus greift um sich. Das ist beängstigend. Denn in ihrer fundamentalistischen Spielart befeuert Religion ethnische und politische Konflikte oder wird zur Rechtfertigung autoritärer Macht missbraucht.

Bildung bedeutet für Mädchen Ausweg aus Armut und Elend
Was hilft gegen Fundamentalismus? Die entscheidende Antwort ist: Bildung. Schon die Reformatoren wollten Bildung für alle, damit Menschen selbst lesen, frei denken, eigenständig fragen können. Fundamentalisten mögen keine Fragen. Die nigerianische Terrortruppe, die derzeit Angst und Schrecken verbreitet und es heldenhaft findet, junge Mädchen zu entführen, hat nicht umsonst den Namen «Boko Haram», was so viel bedeuten soll ­wie «westliche Bildung ist Sünde». Wahrscheinlich meinen diese brutalen Schlächter vor allem: «Weibliche Bildung ist Sünde.» Bildung bedeutet Freiheit. Und Bildung bedeutet auch für Mädchen den Ausweg aus Armut und Elend.
 Deshalb ist es gut, wenn wir entschieden für gebildete Religion eintreten. Religion nicht aufgrund von Dogma, Angst, spiritueller Erfahrung oder Konvention, sondern als Erfahrungen eines Glaubens, der sich persönlich orientiert und Fragen nicht ausweicht. Das gilt im Christentum beispielsweise, wenn Menschen die Schöpfungsgeschichte wörtlich nehmen und ihren Kindern naturwissenschaftliche Erkenntnisse vorenthalten wollen. So eine Haltung ist angstbesetzt und traut dem Glauben wenig zu. Guter Religions­unterricht zeigt den Weg, wie mit der Bibel als Buch des Glaubens, aber eben auch als Buch, das von Menschen verfasst wurde, sinnvoll gelebt werden kann. Das gilt vergleichbar auch für islamischen Religionsunterricht.
Auf einer Lehrerkonferenz in Frankfurt am Main ging es kürzlich um Versuche islamischer Fundamentalisten, Schüler für sich zu gewinnen. Vermutlich war es die ISIS-Gruppe, die einen ehemaligen Schüler aus dieser Stadt für den «heiligen Krieg» in Syrien angeworben hatte ­er wurde dort getötet. Die Eltern dieses Schülers hatten offenbar schon länger keinen Kontakt mehr zu ihren Söhnen. Das zeigt: Neben der Bildung ist auch die Begleitung durch die Eltern sehr wichtig.

Nicht missbrauchen lassen für Machtgelüste und Gewaltorgien
Mit Blick auf die Mediennutzung gibt es eine Kampagne: «Schau hin! Was dein Kind mit Medien macht.» So sollten Eltern ihre Kinder auch in religiöser Hinsicht ­im Blick behalten: «Schau hin, was deine Kinder glauben und wer Einfluss auf sie nehmen will.» Dabei könnten christliche und muslimische Eltern einander unterstützen.
Religion darf sich nicht missbrauchen ­lassen für Machtgelüste, Gewaltorgien oder bewaffnete Konflikte. Dafür gilt es, klar einzutreten. Religion darf sich nie und nimmer verführen lassen, Öl ins Feuer politischer und sozialer Konflikte zu giessen.
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem jungen Iren. Nachdem ich gesagt hatte, der Nordirlandkonflikt sei in meinen Augen nicht konfessionell, sondern politisch begründet, protestierte er. Da würde ich die Iren schlecht kennen, es sei ein zutiefst religiöser Konflikt. Ich wollte wissen, welche Fragen des Evangeliums oder der kirchlichen Praxis denn zwischen den Konfliktparteien umstritten seien. Er: «Hm, die Unterschiede zwischen evangelisch und katholisch kennt doch kein Mensch.» Das hat mir wieder einmal die ganze Absurdität gezeigt, mit der Konflikte für religiös erklärt werden.


Aus: chrismon 8/2014

Margot Kässmann, Autorin, ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland.

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