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«Randständiges» in der Bibel erforschen

01.01.2016
Martin Wallraff freuts. Der 47-jährige Professor für Kirchengeschichte an der Uni Basel erhält vom Europäischen Forschungsrat rund 3 Millionen Franken für sein internationales Projekt «Paratexte der Bibel».

Die herkömmliche Bibelforschung im Protestantismus interessiere sich ausschliesslich für den originalen «Ur-Text», kritisiert Wallraff, der sich selber zu den Philologischen seiner Zunft zählt: «Wir hingegen wollen untersuchen, wie Paratexte die Überlieferung der Bibel beeinflussten und begleiteten.»
Rund 3000 Handschriften in Altgriechisch werden in den nächsten fünf Jahren unter die Lupe genommen. Unterstützung erhält Wallraff von Patrick Andrist. Der Philologe für Altgriechisch mit Schwerpunkt Handschriftenkunde ist neuerdings wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Theologischen Fakultät in Basel. Bis Ende Jahr werden zudem sechs jüngere wissenschaftliche Mitarbeitende dazu stossen.

Ergänzende Angaben zum Urtext der Bibel
Das Online-Lexikon lehrt uns: Paratext, von griechisch «para», «neben, entgegen, über etwas hinaus», bezeichnet Texte, die einen Haupttext ergänzen. Paratexte sind zum Beispiel Inhaltsverzeichnisse, Gebete, Besitzvermerke, Kapiteleinteilungen oder kurze Einleitungstexte. Dass sie wesentliche Informationen über ihre Entstehungszeit liefern können, ist die eigentliche Motivation für das Forschungsprojekt «Paratexte der Bibel» von Martin Wallraff.
Als Beispiel für einen Paratext führt der Theologieprofessor in Basel eine Schlussnotiz am Ende des Matthäusevangeliums an. Sie ist in einer Handschrift des 13. Jahrhunderts erhalten. Die Notiz lautet: «Das Evangelium nach Matthäus ist in hebräischer Sprache geschrieben und von ihm [Matthäus] selbst in Jerusalem acht Jahre nach der Himmelfahrt Jesu herausgegeben worden. Es wurde von dem Apostel Jakobus, dem Herrenbruder, [ins Griechische] übersetzt; dieser war Bischof dem Fleische nach und ist von den Heiligen Aposteln ordiniert worden.»
«Man sollte diesen Paratext nicht als neue historische Information zum Matthäusevangelium deuten», so Wallraff. Die Notiz sei vielmehr als «historische Information über die Zeit des Schreibers» im Mittelalter zu deuten: «Sie drückt aus, welches biblische Grundwissen damals für wichtig gehalten wurde mit welcher Brille der Text gelesen wurde.»

Internationale Zusammenarbeit
Das Quellenmaterial reicht vom frühen Christentums bis zum Beginn des Buchdrucks im 15. Jahrhundert. Die Handschriften sind gemäss Wallraff heute über die ganze Welt verteilt, schwerpunktmässig in Europa. Viele von ihnen sind bereits vom Institut für neutestamentliche Textforschung an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster digitalisiert worden: «Das ist eine enorme Arbeitserleichterung», meint Wallraff. Auch mit dem Institut de recherche et dhistoire des textes in Paris arbeitet man eng zusammen. Ziel des Projektes ist es gemäss Wallraff, die 3 000 Handschriften zu erfassen, zu untersuchen und einige Paratexte in gedruckter Form herauszugeben.
«Das Mittelalter wird nur allzu gerne als notwendiger finsterer Kanal durchschritten von der Entstehungszeit der Bibel bis in die Gegenwart», sagt Wallraff. «Paratexte der Bibel» erbringe fehlendes historisches Wissen über jene «dunkle» Zeit. Wie motiviert er sich und sein Team für diese Herkulesaufgabe? «Es ist meine Faszination für das grosse Buch der Menschheit», so der Kirchenhistoriker: «Die Bibel ist durch die Kanonisierung nicht einfach fossilisiert worden. Sie ist eine jahrhundertealte Geschichte, die sich ständig fortschreibt.»


Paratexte randständige, aber wichtige Zeugnisse ihrer Entstehungszeit.
In dieser Bibelhandschrift einer von 3000 untersuchten Objekten im Forschungsprojekt «Paratexte der Bibel» beginnt der Text der Apostelgeschichte auf der rechten Seite in der Mitte. Darum herum (darüber, auf der rechten Seite, an den Rändern sowie auf der linken Seite) finden sich diverse Paratexte und ein bildliches Element.
Handschrift AN.IV.2 der Universitätsbibliothek Basel, fol. 4v5r.
| Patrick Andrist

Anna Wegelin

Links:
www.paratexbib.eu


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