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Mit Paulus auf dem Weg

01.01.2016
Die Kirchen machen aus dem Apostel Paulus gerne einen Heiligen. In einer Predigtsammlung, die als Buch erschienen ist, holt der ehemalige Münsterpfarrer Franz Christ den Apostel zurück auf die Erde und zeigt anhand von Paulus, was christliche Existenz bedeutet.

Die Figur von Paulus von Tarsus umfasst viele Aspekte: Zeltmacher, Christenverfolger, dem Christus erschienen ist, Apostel, Missionar, Reisender und antiker Abenteurer, fleis-siger Briefautor und erster Theologe des Christentums. Die katholische, orthodoxe, koptische, armenische und anglikanische Kirche erkor ihn zum Heiligen.
In der Predigtsammlung «Mit Paulus auf dem Weg» geht Franz Christ den umgekehrten Weg. In der «Einübung in die christliche Existenz», wie es im Untertitel heisst, holt der Pfarrer den Heiligen zurück auf die Erde. Die 21 Predigten, die Franz Christ auf der Kanzel im Basler Münster gehalten hat, folgen dem Lauf des Kirchenjahrs.
Der Paulus, den Franz Christ näherbringt, spricht aus dem konkreten Augenblick der Geschichte. Paulus sei nicht der Dogmatiker, den die Theologie aus ihm gerne mache. «Er ist ein Mensch, der Christus begegnet. Er spricht nicht nur über die christliche Existenz, sondern er lebt sie.» Paulus verschweige dabei nicht die Schwierigkeiten, Anfeindungen und Anfechtungen, denen er begegnet. Die Generation der ersten Christen wusste sich auf dem Weg. Sie mussten sich ständig neuen Glaubensfragen stellen, denn nichts war vorgegeben. Dieser Zug habe sich im Christentum bis heute gehalten.
Viele erwarten jedoch, in der Bibel auf ein ewiges Wort zu stossen, dass direkt vom Himmel gefallen ist. Für den ehemaligen Basler Münsterpfarrer bekommen das Alte und Neue Testament ihre tiefe Dimension aus ihrer Geschichtlichkeit. Man könne selbst die Jesusworte nicht ohne die Geschichtlichkeit haben, erklärt Franz Christ. Das Wort wurde Fleisch, sagt der Beginn des Johannesevangeliums und verweist darauf, dass das Heil in der Welt und ihrer Geschichte geschieht. Es ist menschlich fassbar und trotzdem ewig. Gerade so durchbricht das Ewige alles Irdische und Sterbliche.

Gleichzeitigkeit mit Christus
Der Münsterpfarrer bringt in seinen Predigten über Paulus einen zweiten Aspekt ins Spiel, der das Evangelium aus der Ecke der verstaubten Kalendersprüche und der kuscheligen Wellness-Spiritualität holt: die Gleichzeitigkeit mit Christus. Wenn es nicht mich betreffe, dass Christus in mir und für mich lebt, werde christlicher Glaube leer, war Paulus überzeugt. Diese Gleichzeitigkeit des eigenen Lebens mit dem Auferstandenen sei die Spannung, aus welcher die christliche Existenz lebt.

Erkenntnis bleibt Bruchstück
Paulus predigte in einer globalisierten, hellenistischen Welt. Die Situationen, in denen sich der jüdische Gelehrte und römische Intellektuelle bewegte, glichen in einigen Aspekten unserer multikulturellen Welt, erzählt Christ. Im Pluralismus und im freien Wettbewerb der Religionen und Weltanschauungen hätten viele ein starkes Bedürfnis nach höherer Erkenntnis und Sinn. Doch Paulus zeige, dass in der christlichen Existenz jede Erkenntnis nur Stückwerk bleibe und «der Christenmensch nicht mehr sei als ein Tor in Christus». Christliche Existenz geschieht in der Spanung von Glaube, Liebe und Hoffnung.
«Christen haben das Himmelreich noch nicht gefunden», meint Franz Christ. Sie sind wie Paulus und die ersten Christen auf dem Weg. Doch zeigt die historische Paulusgestalt, dass dieses Auf-dem-Wegsein schon viel ist. «Das Leben von Paulus demonstriert, dass das Befreiende und Versöhnende stärker ist als Angst und Hass und dass es uns im Leben trägt.




Mit Paulus auf dem Weg Einübung in die christliche Existenz, Franz Christ, Fromm Verlag, 39.90 Franken

Tilmann Zuber


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