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Kunst des Zwiegesprächs

01.01.2016
Alles hat zwei Seiten, auch die Kunst. Sie soll zwischen dem Hier und dem Dort, dem Jetzt und der Vergangenheit, dem Objekt und uns Bezüge schaffen Wechsel-beziehungen. Den Werken von Dietrich Klinge gelingt dies, weil sie berühren und ihnen etwas Sakrales anhaftet.

Dietrich Klinge steht neben die Skulptur «eRBe 12» und lässt sich für die Fotos der Reportage fotografieren. Das Gleiche tun auch Besucherinnen und Besucher der Ausstellung «Tangere» im Kreuzgang des Basler Münsters. Sie klopfen an die Skulptur «Metamoroph V» und staunen, denn was wie verbranntes Holz aussieht, erweist sich als erstarrte Bronze. Und da haben wir es, was Dietrich Klinge umtreibt das Thema der «Wechselbeziehung». Und indem er den Interessierten die Entstehung der Skulptur erklärt, entsteht eine Wechselbeziehung zwischen Werk und Betrachter. «Kunst, deren einzige Idee ist, sich selber zu thematisieren, verliert, wenn sie aus ihrem zeitlichen und kulturellen Kontext fällt, ihre Bedeutung», sagt Dietrich Klinge wenn sie zum Zwiegespräch wird.

Keine Sakralkunst
Hier steht die oder der Betrachtende, dort die Skulptur, es ist eine Beziehung von nah und fern, die sich auch anders ausdrücken lässt, nämlich im Hier und Jetzt und im Vergangenen. «Die neuen Medien, Fernsehen, Computer, Handy. erzeugen in dem Menschen ein permanentes Jetzt, indem nur noch die Gegenwart existiert», sagt Klinge. Das zeigt sich am eindrücklichsten mit den «Selfies», die zum gesellschaftlichen «Must» geworden sind. Dietrich Klinges Werke indes sind immer Wechselbeziehungen. Sie nehmen die Geschichte eines Ortes auf, sie werden von ihm im wahrsten Sinne «in-spiriert», be-seelt. Deshalb ist man im ersten Moment versucht, seine Kunst als «Sakralkunst» zu verstehen. Dietrich Klinge deutet auf einen kleinen, aber wesentlichen Unterschied hin: «Ich mache keine Sakralkunst, sondern schaffe Skulpturen, die in den Betrachtern und im Raum eine Differenz, eine Distanz herstellen. Dadurch entsteht im Raum etwas Sakrales.»
Die doppelte Bedeutung in der Kunst, die wir heute als Sakralkunst bezeichnen, erklärt er an einem Beispiel: «Im Betrachter oder im Gläubigen ist eine Pieta ein Bild aus der Heilsgeschichte: ein toter Christus und eine leidende Maria als leidende Mutter, als Sinnbild des Leidens und Verlustes. Der Bildhauer, der diese Figuren erschafft, lebt in einer bestimmten Zeit und in einer bestimmten Region. Er erschafft aus seiner Erfahrung sein Bild vom toten Jesus und der mitleidenden Maria. Diese Wechselbeziehung erlebte er auch, als er auf einem Markt die Frauen betrachtete und erkannte, dass die Marktfrauen mit den regionalen Mariendarstellungen typähnlich waren. Der Kontext und die Differenz schaffen die Sakralkunst.

Eigene Beziehungssuche
Dietrich Klinge, 1954 in Heiligenstadt geboren, begann seine künstlerische Laufbahn nicht mit Skulpturen. Erste Arbeiten schuf er in Stein und: «gezeichnet habe ich schon in meiner frühsten Kindheit». Bereits 1960 entstanden erste Zeichnungen und Drucke. Dies führte ihn 1984 schliesslich zum Studium der Grafik an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Noch vor Ende des Studiums entstand 1979 die erste Steinskulptur. So führte Dietrich Klinge seine Studien weiter, nun der Bildhauerei. Seinen Durchbruch schaffte er indes nicht mit Skulpturen, sondern mit Radierungen.
Es war ein Durchbruch in doppeltem Sinne. Lange wehrte er sich innerlich, seine Werke auszustellen. Er misstraute den Betrachtenden, glaubte, sie könnten seine Gefühle, seine Intensionen missverstehen. Er befürchtete, sie würden lediglich die Ästhetik seiner Gefühle, die seine Werke ausstrahlen, erkennen, nicht aber das Dahinterstehende. Dass dem nicht so sein muss, belegt Dietrich Klinge an einem weiteren Beispiel, das gleichzeitig aufzeigt, was er mit seinem Kunstschaffen vermitteln will.

Ins Heute transferiert
Zum Satz «. . . und gebenedeit bist du unter den Weibern» aus dem «Gegrüsst seist du Maria» hat Klinge ein Skulpturenensemble geschaffen. Ein gebeugter Körper, auf einer Hand am Boden abgestützt, eine Bronzeplatte davor mit einem strahlenumkränzten Oval und dahinter zwei flaschenähnliche Bleikörper. «Es stellt Maria in geneigter Haltung vor ihrem Kind dar (dem Oval auf der Metallplatte). Die beiden Bleikörper repräsentieren zwei Reagenzgläser», erklärt Dietrich Klinge. Schnell wird klar, dass es sich hier um Invitro-Fertilisation handelt. Maria, die gebar, ohne beim Manne zu liegen, wird in die heutigen Zeitumstände transferiert. Ein Mann, der diese Szenerie betrachtet hatte, meinte: «Ein normaler Baum wächst doch nicht so», schildert Dietrich Klinge. Unbewusst wurde hier ein treffender Vergleich gezogen.
Die Szenerie berührt, weil sie Fragen aufwirft. Der Betrachter stellt sich Fragen wie: Erhebt sich der Mensch an Gottes Stelle? Wo bleibt die Liebe? Ist das wirklich «gebenedeit» wurde Gutes zugesagt? Ist das noch eine Heilsgeschichte oder eher eine Unheilsgeschichte? Wer sich mit Dietrich Klinges Kunst befasst, tritt in eine Wechselbeziehung ein, die stets eines tut: berühren tangere.


Zum Bild : Der Künstler Dietrich Klinge steht hinter seiner Skulptur «eRBe12». | Bild: Giger

Franz Osswald


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