Logo

Neuhausen feiert Kantorei

01.01.2016
Die Kantorei Neuhausen feierte Mitte September ihr 100-Jahr-Jubiläum. Er ist einer der ältesten Kirchenchöre der Schweiz. Ein Blick in die Vergangenheit.

Während viele Kirchenchöre über mangelndes Interesse klagen, umfasst die Kantorei Neuhausen noch 74 Mitglieder, die aus der ganzen Region zur Probe erscheinen. In allen Stimmlagen hat es Sängerinnen und Sänger, sodass man das Repertoire meist vierstimmig singt, erklärt Susanne Bösch, die Präsidentin der Kantorei.
Warum spricht der Chor die Menschen auch noch nach hundert Jahren an? Es sei die Freude am Singen und an der Musik, verrät Susanne Bösch. Früher schätzten die Mitglieder stärker die sozialen Aktivitäten des Chors. Heute treffe man sich zur Probe am Montagabend vor allem wegen des Gesangs. «Es ist interessant, die nächsten Werke einzustudieren.» Ausschlaggebend für den Erfolg der Kantorei seien auch die Dirigenten, welche die Sängerinnen und Sänger mit hoher Qualität motivierten.
Am Vorabend des Ersten Weltkrieges, am Pfingstsonntag 1914, gründeten «29 Frauen und Jungfrauen» einen Kirchenchor unter der Leitung von Christoph Leu. So halten dies die alten handgeschriebenen Protokolle der Kirchgemeinde Neuhausen fest. Bereits am Bettag des gleichen Jahres hatten die Sängerinnen ihren ersten Auftritt.
Im Chor wurde nicht nur gesungen. Vor allem die Ausflüge in andere Kirchgemeinden fanden grossen Anklang. Oft legten die Frauen stundenlange Wegstrecken zu Fuss zurück, um Merishausen oder Hemmental zu erreichen. Am Schluss des Tages waren sie zum Singen fast zu müde.

Mangelnde Disziplin
Die mangelnde Disziplin machte den Chorleitern zu schaffen. Während der Probe wurde gestrickt und etliche Frauen nahmen es mit der Anwesenheitspflicht nicht so genau. Nachdem alle Massnahmen keinen Erfolg zeigten, beschloss man den Kirchenchor auch für das starke Geschlecht zu öffnen. Die damaligen Präsidentinnen, Mina Huber und Anna Walter, wurden durch einen männlichen Vorstand ersetzt. Man versprach sich davon mehr Disziplin.
Der Chor sang hauptsächlich Lieder aus dem Kirchengesangbuch. In den Dreissigerjahren organisierte man Abendveranstaltungen mit Tanz. «Es ist nicht zu leugnen, dass die vereinsmässigen Anliegen die kirchlichen oft beeinträchtigen», hält die Chronik fest.
Bis 1941 probte der Kirchenchor in der Turnhalle des Kirchackerschulhauses. 1941 zog der Chor in das neu erstellte Kirchgemeindehaus. Doch in den Wirren des Zweiten Weltkrieges war der neue Proberaum nur ein schwacher Trost. Aufgrund des Krieges gab es viele Absenzen. 1951 übernahm der Musikpädagoge Edwin Villiger die musikalische Leitung. Er gründete die Tradition der «Neuhauser Kirchenkonzerte». Mit Solisten und Orchester führte der Kirchenchor grosse Werke, wie «Der Messias» und «Saul» von Händel oder die «Johannes Passion» von Bach auf. Später folgte die Aufführung des Weihnachtsoratoriums. Heute ist der Kirchenchor regelmässig Gast an den Musikgottesdiensten des Bachfestes in Schaffhausen.
Eine Ausstellung, die zurzeit im Kirchgemeindehaus Neuhausen zu sehen ist, zeigt auf zehn Schautafeln und alten Zeitungen die Geschichte der Kantorei. Auf einer «Hörbank» kann man die eindrücklichsten Aufführungen des Chors hören.
1992 änderte der evangelische Chor seinen Namen. Aus dem Kirchenchor wurde die Neuhauser Kantorei. Die enge Verbindung zur Kirchgemeinde besteht jedoch bis heute. Regelmässig singt die Kantorei im Gottesdienst. Der Chor sei ein Anziehungspunkt und Aushängeschild der Kirchgemeinde Neuhausen, erzählt Johann Georg Hasler. Hasler selbst sang 24 Jahre in der Kantorei und war 19 Jahre Pfarrer in der Gemeinde am Rheinfall.

«Wenn sie nicht singen, glauben sie nicht»
Matthias Koch, der jetzige Pfarrer der Kirchgemeinde dankte im Jubiläums-Gottesdienst dem Chor für seine Treue. Er leiste einen wichtigen Beitrag im kirchlichen Leben der Gemeinde. Oftmals könnten Worte Gott nur bruchstückhaft beschreiben. Seine Herrlichkeit übersteige die Vernunft. «Glaube ist nicht nur eine Kopfsache, sondern spricht den ganzen Menschen an», so Koch. Die Musik lässt einen etwas von dieser Herrlichkeit Gottes erahnen. «Wenn sie nicht singen, glauben sie nicht», habe schon der Reformator Luther, gesagt.



Jubiläumskonzert: Requiem Mozart und
Strawinski, Samstag, 15. November, 20 Uhr,
St. Johann Schaffhausen
Sonntag, 16. November, 17 Uhr, reformierte Kirche Neuhausen

Tilmann Zuber


ÄHNLICHE ARTIKEL