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Greise oder weise?

01.01.2016
Bis anhin war das vierte Lebensalter für Forschung und Gesellschaft weitgehend unbekannt. In ihrer Arbeit beschäftigt sich die Psychologin Pasqualina Perrig-Chiello mit dem hohen Alter. Ihr Fazit: Es lohnt sich, alt zu werden.

Frau Perrig, kürzlich hielten Sie einen Vortrag über das hohe Alter unter dem Titel «Greise oder weise?» Ist man entweder das eine oder das andere?
Das hohe Alter beinhaltet beides. Mir ist es ein Anliegen, dass man das hohe Alter differenziert betrachtet. Einerseits ist das Bild des Alters negativ besetzt. Man gilt als hilfsbedürftig, gebrechlich und dement. Viele müssen in dieser Lebensphase Verluste hinnehmen. Doch andererseits sind viele 80-Jährige und ältere selbstständig, einigermassen gesund und erleben glückliche Zeiten, wie die Forschung zeigt.

Trotzdem: Alle wollen alt werden, aber niemand ist gerne alt.
Richtig. Wir fokussieren uns zu stark auf die Verluste, die das Alter mit sich bringt. Der Partner und die Gleichaltrigen sterben weg, man wird einsamer und die Gebrechen nehmen zu. In dieser Lebensphase muss man sich stärker auf die eigenen Ressourcen besinnen. Man erhält die Chance, sich selbst neu zu entdecken und kennen zu lernen. Viele stehen vor der Herausforderung, den Sinn des Lebens neu zu definieren. Dieser Weg kann durchaus belastend sein. Viele erklären jedoch, dass sie erst im hohen Alter gelernt haben, wer sie wirklich sind und was in ihnen steckt.

Ist dies die Altersweisheit?
Es ist in der Tat so, dass ein Grossteil der Leute im Laufe der Zeit aus den Lektionen, die ihnen das Leben bietet, etwas lernen. Sie können mit dem Unvorhergesehenen umgehen und erleben, dass sie in Krisen nicht untergehen, sondern Kraft tanken. Diese Erfahrung bildet die Basis der Altersweisheit.

. . . und hilft, mit den Schwierigkeiten des Alltags zurechtzukommen?
Ja. Auf die Verluste und die Veränderung reagieren die meisten Betagten mit einer gewissen Gelassenheit. Sie passen sich der neuen Situation an, setzen die Latte tiefer und sehen im Vergleich mit Gleichaltrigen, dass es ihnen noch immer gut geht.

Warum hat das hohe Alter ein so negatives Image?
Unsere Vorurteile stammen von früher. Noch vor Jahrzehnten erreichten nur wenige ein hohes Alter. Die meisten starben vorher oder litten an Gebrechen. Das vierte Lebensalter, wie man das hohe Alter bezeichnet, ist eine neue Lebensphase. Es sind heute nicht nur einzelne wie der Bergführer Ulrich Inderbinen, der mit 90 Jahren das Matterhorn bestieg, oder Rita Levi Montalcini, die mit über 90 Jahren Bücher geschrieben hatte. Heute gibt es unzählige Betagte, die autonom leben und sich einbringen. Die Gesellschaft hat inzwischen darauf reagiert. Immer weniger Betagte ziehen ins Altersheim. Sie leben lieber in ihren eigenen vier Wänden und greifen auf ambulante Hilfe und Pflege zurück. Erst wenn es gar nicht mehr geht, ziehen sie direkt ins Pflegeheim.

Wie wichtig ist es, dass man loslassen kann?
Sehr wichtig. Im Alter muss man seine überrissenen Ansprüche und das Gefühl, alles kontrollieren zu können, aufgeben. Wer zu seinem Leben ja sagen kann, lebt im Alter glücklicher. Wer jedoch mit seinem Schicksal hadert, sich und anderen Vorwürfe macht, macht sich krank. Er droht an seinem Schicksal zu zerbrechen. Vielen gelingt es, sich mit sich und anderen zu versöhnen, wenn beispielsweise jemand eine schwierige Jugend und eine gescheiterte Ehe hinter sich hat und jetzt sagen kann, es ist vorbei und das ist gut so.

Die Gesellschaft vermittelt alten Menschen, dass sie keine Funktion mehr haben.
Ja. Sobald man pensioniert wird, erwartet niemand mehr etwas von einem. Man ist plötzlich aussen vor. Es ist schwierig, dies auszuhalten. Von einem Tag auf den anderen muss man eine neue Rolle und Aufgaben finden, die einen befriedigen. Vielleicht bestehen diese nur darin, dass man anderen Bewohnern im Altersheim zuhört und sie unterstützt. Die Frage nach dem Sinn des Lebens und der eigenen Rolle bleibt auch in dieser Lebensphase existenziell.

Gehört zur Sinnfindung, dass man sich auch seine Abhängigkeit eingesteht und sich helfen und betreuen lässt?
Ja. Hilfe geben und Hilfe annehmen zu können, ist in dieser Lebensphase wichtig.

Da ist es doch falsch, wenn Betagte in den Heimen zur Passivität verurteilt werden.
Wenn man Menschen ihre Selbstbestimmung und ihre Aktivität nimmt, bricht man ihren Lebenswillen. Früher geschah dies in vielen Altersheimen. Man hat den Bewohnern ihren Rhythmus vorgeschrieben und ihren Alltag bis ins letzte geregelt. Inzwischen hat sich dies glücklicherweise an den meisten Orten verbessert. Trotzdem: Die meisten alten Menschen wollen in ihren eigenen vier Wänden bleiben.

Früher waren die alten Menschen stärker in die Familie eingebunden. War dies besser?
Man kann dies nicht vergleichen. In der Vergangenheit starben die Menschen früher und die Familie hat sich inzwischen verändert. Sie ist kleiner geworden. Und die Frauen gehen ihrem Beruf nach. Trotzdem leisten etliche Angehörige Pflege und Hilfe und entlasten so den Sozialstaat. Darum sollten pflegende Angehörige unterstützt werden.

Verändert sich im hohen Alter die Sicht auf das Leben?
Jede Phase hat ihre eigene Sicht. Hochaltrige Menschen schauen gerne zurück und erzählen von früher. Sie versuchen, die eigene Biografie zu integrieren und zu einem sinnvollen Ganzen zu fügen. Diese biografische Arbeit ist wichtig, um sich mit sich und dem Schicksal zu versöhnen.

Welche Rolle spielt der Glaube in dieser Lebensphase? Hilft er?
Die letzte Phase des Lebens konfrontiert uns unweigerlich mit spirituellen und religiösen Themen. Fragen rund um den Sinn des Lebens, dem Leben nach dem Tod oder nach Gerechtigkeit können nicht mehr verdrängt werden. Der Glaube sei es in Form von Gesprächen, Gebeten und Ritualen kann helfen, Zuversicht und einen inneren Frieden zu finden.

Was können alte Menschen den Jüngeren weitergeben?
Die Grosseltern und Urgrosseltern haben die Gelassenheit, die der Elterngeneration vielfach fehlt. Diese stehen noch voll im Leben und in der Auseinandersetzung mit ihren Kindern. Ich erlebe oft, dass Jugendliche ihre Grosseltern «cool» finden. Die ältere Generation hat zudem die Aufgabe, den Nachkommenden zu zeigen, wo die Wurzeln und die Ursprünge der Familie liegen.

Sie bilden die Brücke in die Vergangenheit?
Absolut und auch in die Zukunft.

Inwiefern?
Man kann eher getrost von dieser Welt gehen, wenn man sagen kann: «Ich hinterlasse etwas, das mich überlebt.» Seien es Kinder, ein Werk, eine Idee und andere Spuren. Ich finde es wunderbar zu wissen, ich habe einer ganzen Generation Studenten etwas auf ihren Weg mitgeben können.

Interview: Tilmann Zuber

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Pasqualina Perrig-Chiello


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