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Klatschreporter aus dem Mittelalter (3)

01.01.2016
Das Konstanzer Konzil war das Weltereignis des Mittelalters. Ulrich Richental, der das Ereignis als Chronist für die Nachwelt erhielt, hat Luzerner Wurzeln.

Vier Jahre lang war Konstanz Mittelpunkt der mittelalterlichen Welt. In der Bodensee-Stadt tagten von November 1414 bis April 1418 die mächtigsten Kirchen- und Adelsfürsten des Abendlandes, um die Spaltung der Kirche zu überwinden und die Ketzerei zu bekämpfen. Um die 70 000 Gäste empfing die Stadt, die selbst nur 6000 bis 8000 Einwohner hatte.
Mittendrin ein umtriebiger Mann mit Luzerner Wurzeln: Ulrich Richental. Akribisch notierte er alle Geschehnisse auf den Konstanzer Strassen, schrieb Besucher- und Preislisten und befragte die Teilnehmer. Dank seiner Neugier entstand ein äussert detailgenauer Augenzeugenbericht und die bedeutendste bebilderte Handschrift, die je über ein Konzil angefertigt wurde. «Ulrich Richental würde man heute als ein reiches Bürschle bezeichnen», sagt Tobias Engelsing, Historiker und Direktor der Städtischen Museen Konstanz. Geboren um 1360, war er mit seiner Familie aus dem Luzerner Ort Richental, in der Nähe von Reiden, nach Konstanz gekommen. Sein Vater, Johannes Richental, war ein bekannter Stadtschreiber, der es zu Ruhm und Ansehen brachte. Ulrich Richental selbst arbeitete vermutlich als Kaufmann. Öffentliche Ämter bekleidete er soweit bekannt ist nicht. Die Chronik verfasste er aus eigenem Antrieb im Konstanzer Dialekt seiner Zeit. «Wie heute ein Boulevard-Journalist hat er das pralle Leben beschrieben und diese Aufzeichnungen später illustrieren lassen», so Engelsing.
Richentals Chronik gibt vor allem Aufschluss über den Alltag der damaligen Zeit. So wissen wir dank Richental heute genau, was die Marktleute anboten: Für einen Pfennig bekamen die Armen ein Weissbrot oder einen kleinen Kohlkopf. Ein Pfund Rindfleisch kostete bereits drei Pfennige. Für einen Biber oder Otter musste man sogar acht Pfennige bezahlen. Diese waren besonders an den 140 Fastentagen im Jahr beliebt: Da sie zum Teil im Wasser leben, wurden sie als Fische verkauft.
Richental zählte mehr als 300 italienische Bäcker, die ihre Waren in Konstanz anboten. Insgesamt sollen es sogar 1400 fremde Dienstleister gewesen sein, die auf guten Umsatz hofften und Einheimische wie Gäste verpflegten. Der Chronist schrieb auch auf, wer sich sonst noch so in Konstanz tummelte, zum Beispiel 1700 Musikanten und Spielleute. Unterhaltung anderer Art boten die 700 registrierten Dirnen.

Babylonisches Sprachengewirr
Bei Spaziergängen durch die Stadt zählte Richental 17 verschiedene europäische Sprachen. Selbst aus Afrika und Asien waren Delegationen angereist, sodass in den Gassen der Stadt ein babylonisches Sprachengewirr geherrscht haben muss.
Neben dem Alltagsgeschehen sind dank Richental auch die grausamen Seiten des Konzils gegenwärtig. Zwei Vorkämpfer der Reformation wurden während der Kirchenversammlung hingerichtet: Der böhmische Gelehrte und Konzilsteilnehmer Jan Hus wurde während der Versammlung verhaftet, zum Tod verurteilt und 1415 verbrannt ebenso sein Gefährte Hieronymus von Prag.
Während andere Konzile allmählich in Vergessenheit geraten sind, bleibt das Konstanzer Konzil dank der vielen detailreichen Informationen und der farbenprächtigen Illustrationen in seiner Chronik bis heute in Erinnerung selbst wenn Historiker heute wissen, dass Richental die Ereignisse teilweise etwas geschönt und möglichst positiv für seine Stadt Konstanz geschildert hat.



600 Jahre Konzil
In Konstanz findet in den nächsten Monaten eine Vielzahl von Veranstaltungen zum Konziljubiläum statt. Darunter Ausstellungen über den Alltag zur Zeit des Konzils, über das Konzil als Weltereignis und über den Reformator Jan Hus. Das Original der Richental-Chronk ist im Rosgarten-Museum zu entdecken.




Zum Bild: Dank Ulrich Richental wissen wir, was sich in den vier Jahren des Konzils auf Strassen und Plätzen in Konstanz abspielte. | Bild: Richental-Chronik

Annette Meyer zu Bargholz

Links:
www.konstanzer-konzil.de


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