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«Sein oder Nichtsein», das ist die Befragung

01.01.2016
Der Basler Hamlet in der Version des «Jungen Schauspiels» nimmt die Frage nach Sein oder Nichtsein ernst: Ist ein anderes Handeln als Morden aus Rache möglich? Es wäre, ist aber an der Premiere nicht erwünscht.

Selten kommt man heute in die Lage, über Leben und Tod zu entscheiden. Die Hamlet-Aufführung des «Jungen Schauspiels» am Theater Basel macht es möglich. Plötzlich befinden sich die Zuschauer in der Rolle von US-Geschworenen oder IS-Terroristen, die andere zum Tode verurteilen und zum Herrn über «Sein oder Nichtsein» werden. Am Ende des Stücks kann das Publikum per Volksabstimmung über Leben oder Tod der Protagonisten des Stücks befinden. In der Urversion fordert der ermordete König, Prinz Hamlets Vater, Rache. Die Folge sind acht Tote, davon ein Suizid. Prinz Hamlets Tun auf Geheiss von Vaters Geist stürzt alle ins Unglück. Muss das sein? Das fragt sich auch das «Junge Schauspiel» und ob ein anderes Handeln als Mord aus Rache möglich gewesen wäre.

Rückwärts in die Zukunft
In der Version des «Jungen Schaupiels» lässt Horatio deshalb Mord­szene und Todesszene nochmals spielen, indes unter anderen Vorzeichen. Horatio: «Wir brauchen keine Leichen. Wir leben in einer anderen Zeit, haben Internet und iPhone.» Textlich bleibt das Stück zwar nahe an der Urversion, die Handlung aber wird auf den Kopf gestellt. So sehr, dass am Ende alle Protagonisten noch leben und Claudius, der Königsmörder, sich vor dem Richter zu verantworten hat. Man könnte darüber enttäuscht sein, dass dieser Hamlet das Thema Suizid nur oberflächlich streift und keinen Bezug zur Lebenswelt der Jugend herstellt. Um das geht es in diesem Stück aber nicht. «Sein oder Nichtsein» und die Frage nach dem eigenen Handeln stehen im Zentrum. Zu einer Verurteilung des Königsmörders kommt es an der Premiere indes trotz allem nicht.
Da wird das eigene Tun plötzlich hinterfragt, ob denn das Handeln nach einem der Rache übergeordneten Prinzip vor dem Volk Bestand hat? Oder aktuell: Völkerrecht versus Volksrecht. Und so wird das Publikum kurzerhand zum Schweizer Stimmvolk deklariert. Die Hand erhebe, wer für den Hamlet ohne Leichen und fürs «Sein» einsteht. 34 Hände heben sich zögerlich. Die grosse Mehrheit votiert fürs Morden, fürs «Nichtsein». Der Wille des Volks ist (Schiess-)Befehl. Das Gewehr im Anschlag wird vor den Augen des keine Emotionen zeigenden Publikums eine/einer nach der/dem andern abgeknallt. Das Publikum schaut zu, neutral, der Tradition verpflichtet.
Dieser Hamlet ist ein moralisches und politisches Lehrstück. Ein anderes Handeln wäre möglich, allein es war nicht erwünscht. Das Volk hat immer recht. Wirklich?



Hamlet: 12., 13., 28. Nov./3., 10., 15., 22. Dez.


Zum Bild: Horatio (Tino Zihlmann) ­versucht mit ­vollem Engagement, Prinz Hamlet (Jonathan Hug) von seiner «unblutigen Mission»
zu überzeugen. | Simon Hallström

Franz Osswald

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