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«Das Leben rühren wie einen Kuchenteig»

01.01.2016
Im hohen Alter vereinsamen viele. Um aber mit über 80 Jahren ein erfülltes Leben zu führen, braucht man die Gesellschaft anderer Menschen. Darum sollte man Beziehungen schon früh pflegen, so das Fazit einer Podiumsdiskussion mit namhaften Gästen.

Sie tausche sich regelmässig in ihren «Clübli» aus, erzählte alt Nationalrätin Judith Stamm, die dieses Jahr ihren 80. Geburtstag feierte. Seit Jahren trifft sie sich mit ehemaligen Arbeitskollegen, Schulfreundinnen und Gleichgesinnten mit gemeinsamen Interessen. Die Beziehungs­pflege betrachtet Stamm als eine Investition ins Alter. Man müsse nicht nur finanziell für das Alter vorsorgen, sondern auch emotionell.
Judith Stamm vertritt die Gruppe der Hochaltrigen, die im Mittelpunkt der Diskussion stand. Mit ihr unterhielten sich die Gerontopsychia­terin Barbara Hiss, Claude Hodel, der vor seiner Pensionierung als Sozialdiakon in der Reformierten Kirch­gemeinde Reinach arbeitete, und ­Gabriele Marty, Leiterin der Abteilung Alter und Gesundheit in der Volkswirtschafts- und Gesundheitsdirektion Baselland.
Das Podium in Liestal fand im Rahmen der schweizweiten Kampagne «Alles hat seine Zeit das hohe Alter in unserer Gesellschaft» statt. Die gemeinsame Initiative von Justitia et Pax, den reformierten Kirchen der Schweiz und Pro Senectute will dazu beitragen, dass auch Menschen im hohen Alter als Teil der Gesellschaft wahrgenommen und nicht ausgegrenzt werden.

Seinen Platz im Leben neu finden
Am Anfang des hohen Alters geschehe ein Umbruch, schilderte Judith Stamm ihre Erfahrungen. Man müsse sich und seinen Platz noch einmal finden. Dem pflichtete Barbara Hiss bei. Der Übergang in die Hochaltrigkeit bedeute im Leben eines Menschen einen anforderungsreichen Schritt, der mit einer grossen Anpassungsleistung verbunden sei. Claude Hodel führte das Beispiel einer selbstbewussten 92-jährigen Frau an, die alleine zurechtkommen will, auch wenn sie auf allen Vieren ins Bett kriechen muss. «Wir müssen diesen Willen akzeptieren», so Hodel.
Der Umgang mit alten Menschen könne schwierig sein, meinte Judith Stamm. Aber nicht nur, weil es «störrische» Alte gibt, «die mit allen Streit haben», sondern auch, weil viele «Überfürsorge und Überbetreuung als unangenehm empfinden». Der Umgang mit alten Menschen verlange mehr Geduld, erklärte Barbara Hiss. «Alles wird langsamer, zeitraubender. Das streut Sand ins Getriebe.» Doch man müsse diese Geduld aufbringen, forderte die Gerontopsychiaterin.
Was aber, wenn alte Leute sich zurückziehen vom gesellschaftlichen Leben?, fragte Alois Schuler, Chefredaktor von «Kirche heute» und Moderator. Es sei schwierig, neue Kontakte zu knüpfen, wenn das Gehör und die Mobilität abnehmen, bestätigte Barbara Hiss und betonte, wie wichtig es sei, dass man bereits über tragfähige Beziehungen verfüge. Gabriele Marty hob die Bedeutung von Generationenbeziehungen hervor. Die Lebenserfahrung und -weisheit ihrer eigenen Grosseltern bilde eine Quelle der Inspiration, die sie bis heute anzapfe.

Welche Rolle spielt der Glaube?
Auf Anregung aus dem Publikum diskutierten die Podiumsgäste, welche Rolle Spiritualität und Glaube im Alter spielen. «Versöhnen, loslassen, gehen», heisst das Motto von Judith Stamm. Wie das funktioniert, schilderte sie anschaulich: «Man muss das Leben rühren wie einen Teig, bis ein Kuchen entsteht und man sagen kann: So wie es war, ist es gut.»
Das Loslassen sei schwierig: «Man muss das Seelenstübli räumen wie einen Keller und sich auch von altem Groll lösen.» Das «Gehen» versteht Judith Stamm als eine Art «himmlischen Marschbefehl». «Der Tod rückt mit zunehmendem Alter in unerbitt­liche Nähe.» Und der Glaube? Die Kirche helfe ihr wenig, meinte die alt Nationalrätin. Dem widersprach Claude Hodel. Er verwies auf die Hoffnung, die man aus der Aussicht auf ein Weiterleben nach dem Tod schöpfen kann.


Zum Bild: Am Podium in Liestal: Judith Stamm (oben links), Claude Hodel (oben rechts), Barbara Hiss (unten links) und Gabriele Marty.

Karin Müller, Bilder Dominik Plüss

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