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«Ich arbeite nicht für die Kirche, sondern für Menschen»

01.01.2016
In einer Zeit, in der «Migration» Thema Nummer eins ist und Religionsfragen brandaktuell sind, schliesst das Migrationsamt der Reformierten Kirche Basel-Stadt. Die Leiterin, Béatrice Aebi, wird am 23. Januar offiziell verabschiedet.

Das Büro, in dem das Migrationsamt der Evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt untergebracht ist, sieht nach Auszug aus. Fast etwas verloren wirkt im grossen, karg möblierten Raum Béatrice Aebi, die das Amt noch bis Ende Februar 2015 innehat, dann ist Schluss, das Amt Geschichte.
Leer ist aber nur das Büro, im Innern der Amtsleiterin indes ist es voll von Erlebnissen und Begegnungen. Wenn Béatrice Aebi davon erzählt, sprudelt es nicht aus ihr heraus. Sie wählt die Worte überlegt und in ihren Augen ist die Freude über das Erreichte zu erkennen. So, als sie vom «Frauenfrühstück» berichtet. Seit elf Jahren existiert es, viermal im Jahr treffen sich Migrantinnen und Schweizerinnen zum Zmorge, jedes Mal erzählen zwei Frauen aus ihrem Leben. 70 waren es im Verlauf der Jahre, 1929 Frauen nahmen in dieser Zeit daran teil, sie stammen aus nicht weniger als 89 Ländern.
Das «Frauenfrühstück» ist zu einer Institution geworden und es wird die Schliessung des Migrationsamtes überdauern, sagt Beatrice Aebi dankbar. «Integration Basel und die Abteilung Jugend- und Familienförderung des ED werden einspringen und für Personal und Finanzen aufkommen vorerst, aber ein Neuanfang ist gemacht.»

Vom Emmental in die weite Welt
Auch Béatrice Aebi ist eine Zugezogene, wuchs sie doch im Emmental mit fünf Schwestern auf. Von der gelernten Drogistin führte sie der Weg nach Basel zur Sandoz, wo sie als Sekretärin in der pharmazeutischen Produktion arbeitete. Ein Jahr verbrachte sie später mit Englischkursen in London, wo sie die Schweizer Kirche besuchte.
Ihre kirchliche Heimat hatte Béatrice Aebi in der Landeskirche; «diese war den Eltern aber manchmal zu liberal, weshalb sie zusätzlich mit der ganzen Familie den Gottesdienst der Mennoniten besuchten». Ihr religiöser Weg gleicht einer Pilgerreise, die Béatrice Aebi für 12 Jahre ins Tessin führte, wo sie bei den Vereinigten Bibelgruppen VBG in der «Casa Moscia» wirkte und die Gäste umsorgte. Während dieser Zeit absolvierte sie Weiterbildungen im Bereich der Seelsorge und war zwei Mal in Rom, um die Italienischkenntnisse zu perfektionieren. In der Ewigen Stadt lernte sie die Waldenserkirche kennen, besuchte die katholische Basisgemeinde San Egidio und hospitierte am «Istituto Biblico der Assemblea di Dio».
Bevor Béatrice Aebi 1987 ihre neue Stelle bei der Basler Mission, heute Mission 21, antrat, galt es erneut, sich sprachlich weiterzubilden. In Südamerika, genauer in Mexiko, Peru und Uruguay. In der Mission 21 kümmerte sich Aebi dann um die Gäste aus Übersee, später übernahm sie die Geschäftsführung des «Kollektenvereins» in der Kommunikationsabteilung. Berufsbegleitend erwarb sie das eidgenössische Diplom in Erwachsenenbildung und ein Zertifikat in Moderation und Mediation im interkulturellen und interreligiösen Dialog.
Ihre Erfahrungen aus all den Jahren konnte Béatrice ab März 2000 in ihrem Projekt «Frauen begegnen Frauen» einbringen, das von Kanton und Bund unterstützt und später ins Migrationsamt integriert wurde. Im Januar 2002 trat Béatrice Aebi die Stelle als Migrationsbeauftragte an. Nach der Pensionierung von Kirchenratspräsident Georg Vischer übernahm sie die Koordination der von ihm geschaffenen «Arbeitsgruppe Migrationskirchen» und begann, Beziehungen zu Migrationskirchen aufzubauen.
Beratung und Hilfe als Dienst am Evangelium
Das alles sind für Béatrice Aebi wichtige Errungenschaften institutioneller Art. Wenn man ihr aber zuhört, dann sind es die unzähligen Beratungsgespräche und Begegnungen, die ihr vor allem am Herzen liegen. Beratungen für Menschen, die nicht in erster Linie religiöse Bedürfnisse abdecken wollten, sondern Hilfe suchten, um sich im Leben zurechtzufinden. Beatrice Aebis Engagement ist ein kirchlicher Dienst am Menschen, unabhängig von dessen Glaubensüberzeugung. Diese Einstellung widerspiegelt sich in ihrer Aussage: «Ich arbeite für die Nächsten, nicht für die Kirche, sondern im Sinne des Evangeliums.»
Eine stärkere kirchliche Anbindung war ab 2008 durch die Zusammenarbeit im Bereich Migrationskirchen mit dem Pfarramt für Weltweite Kirche und dessen Pfarrer, Daniel Frei, gegeben. Daraus entstanden zum bereits bestehenden Gottesdienst am Tag der Völker, Bibel- und Gesprächsabende mit Verantwortlichen aus Migrationskirchen, Partnerschaften zwischen Kirchgemeinden und Migrationskirchen und nicht zuletzt zusammen mit einer Projektgruppe ein universitärer theologischer Ausbildungsgang für Leute aus Migrationskirchen. Der erste Kurs wurde im Juni erfolgreich abgeschlossen, der zweite begann im September. Die Werkstatt Theologie und Bildung (wtb) hat die Zertifizierung übernommen. Ein dritter Kurs wird geplant aber nicht mehr unter Beteiligung des Migrationsamtes.
Béatrice Aebi wird am 23. Januar im Zwinglihaus (18.30 Uhr) offiziell verabschiedet. Der Anlass steht unter dem Motto «Einblicke Ausblicke». Ja, ein Ausblick ist trotz Aufhebung des Migrationsamtes angesagt, sagt Béatrice Aebi: in Form eines Dok-Films über die Migrationskirchen. Jenen Kirchen, in denen das Wirken von Béatrice Aebi weiterlebt und weitergetragen wird.


Zum Bild: Béatrice Aebi, Leiterin des Migrations­amtes, in bester Laune an einem Gottesdienst der «Assemblée Chrétienne». |zVg

Franz Osswald


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