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Aufgeklärte Religion!

01.01.2016
Statt das Feld den Fanatikern zu überlassen, sollten sich Religionen mehr an ihre Tradition der Weisheit erinnern, sagt der Theologe Georg Pfleiderer.

«Jyllands-Posten» 2005 «Charlie Hebdo» 2015: Die Ingredienzen des neuen weltweiten Karikaturenstreits sind dieselben wie beim ersten Durchgang vor genau zehn Jahren wieder stehen sich «westliche» Meinungs- und Publikationsfreiheit und militante Selbstverteidigung religiöser Empfindlichkeiten gegenüber. Geändert hat sich aber die Intensität der Auseinandersetzung: Der religiös motivierte Mord an den Karikaturisten damals nur (aber immerhin!) angedroht, ist diesmal in die blutige Tat umgesetzt worden, und das gleich mehrfach. Dies hat die Reaktionen auf «westlicher» Seite verändert: Empfanden viele damals durchaus ein gewisses Verständnis für die Verletzungsbekundungen der Muslime, war die Reaktion jetzt unisono: «Je suis Charlie.» Die Verteidigung des Rechts zu ironischer Verunglimpfung religiöser Praktiken (Anders-)Gläubiger durch satirische Karikaturen erscheint nun als das Symbol westlicher Werte überhaupt. Ist sie das?
Vielleicht schon. Seit Voltaire ist ironische Satire das bevorzugte Genre der Aufklärung. Denn das literarisch-zeichnerische Stilett sticht besonders zielsicher ins heisse Herz der humorlosen Gläubigen. Denn es trifft punktgenau ihr religiöses Pathos. Darum reagieren sie auf solche Sticheleien mit der Brutalität des Zweihänders: Kopf ab! Das Reaktionsmuster ist dem westlichen Kulturbetrieb seit 250 Jahren bestens vertraut: «Er ist fürwahr ein guter Tropf» «Auf einen Pfahl gehört sein Kopf»!
Die Gefahr des jetzigen Augenblicks ist, dass unter dem Eindruck der Eskalation anders als in Mozarts Oper «Entführung aus dem Serail» auf beiden Seiten die dumpfbackigen Osmine sich durchsetzen und die feinen Bassa Selims keine Chance mehr haben. Dabei gibt es diese auf muslimischer Seite durchaus. Viele ebenso besonnenen wie spontanen Reaktionen von führenden islamischen Geistlichen auf die Pariser Attentate haben das eindrucksvoll bewiesen.
Ironische Satire ist das Stilmittel der Distanzierung. Die Kultur westlicher Freiheitswerte ist eine Kultur der Distanzierung. Ironische Distanz ist kühl, religiöses Pathos ist heiss. Dies scheint der Grund zu sein für den «Kampf der Kulturen», der erneut entbrannt ist. Doch Kämpfe ihrerseits sind per se heiss; sonst wären es keine. Auch der Westen brennt für seine Werte, wie sich jetzt bei den ­Massendemonstrationen für «Charlie Hebdo» gezeigt hat.
Aber auch Religion, auch der Glaube, ist fähig zu kühlen, nämlich die hitzigen Gemüter abkühlenden Distanznahmen von eigenem Pathos. Der Name dafür ist religiöse Weisheit: Bassa Selim, Zarastro, Nathan der Weise. Das sind zwar orientalistische Kunstfiguren einer christlich geprägten Aufklärungskultur. Aber diese können uns die Augen öffnen für ihre heutigen Inkarnationen.
Alle Religionen, unsere eigene christliche voran, täten gut daran, sich solcher Weisheitspotenziale in der eigenen Tradition wie eben auch in der Religion der anderen! zu erinnern.
Aufgeklärte Religion, will heissen: Mutiger, aber besonnener Glaube, der nämlich weiss, dass auch die anderen, auch die Ungläubigen, an etwas glauben, das ihnen wichtig ist das ist der dritte Weg zwischen hitzigem religiösem Fanatismus und kühl-distanziertem Agnostizismus. Denn beide Extreme tun ihrer eigenen Sache keinen guten Dienst. Aufgeklärte Religion oder auch: Gläubige, unaggressive Aufklärung das ist der Weg, den ­alle Menschen guten Willens jetzt gehen sollten, wir reformierten Christinnen und Christen voran nein: mitten unter ihnen.  

Georg Pfleiderer Professor für Theologie Universität Basel

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