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«Lassen Sie sich das Selbstwertgefühl nicht nehmen»

01.01.2016
In der Arbeitslosigkeit darf man sich das Selbstwertgefühl nicht aberkennen lassen, meint Martina Lustenberger, Studien- und Laufbahn­beraterin am biz Oerlikon.

Frau Lustenberger, früher hatten viele das Gefühl, sie könnten bis zur Pensionierung an der gleichen Stelle bleiben. Doch heute wird auch langjährigen Arbeitnehmenden gekündigt.
Das Bewusstsein, seine Stelle jederzeit verlieren zu können, ist grösser geworden. Arbeitslosigkeit kann jeden treffen, sei es durch Fusionen, Umstrukturierungen oder durch Konkurse. Der wirtschaftliche und technische Wandel ist enorm. Das Phänomen ist allerdings nicht neu, denn Arbeitsstrukturen verändern sich, seit es Arbeit gibt. Der Zugang zu Arbeit und zu einem Erwerbseinkommen ist und war immer durch viele Faktoren bestimmt.

Was raten Sie in dieser Situation?
Es ist wichtig, in die Weiterbildung zu investieren, sofern dies möglich ist, und sich offen auf einen Wandel einzustellen.

Sollte man mit über 50 eine Stelle kündigen, ohne eine neue zu haben?
Dies kommt auf die Lebenssituation an. Das Risiko ist hoch, dass eine neue Stelle nicht einfach zu finden ist. Die Arbeitslosigkeit kann länger dauern und hat dann beträchtliche ökonomische Folgen. Wenn jemand an eine Kündigung denkt, ist dies ein Hinweis, dass seine Arbeitssituation nicht zufriedenstellend ist. Als Alternative zur Kündigung und deren Risiken wäre es sinnvollerweise, sich zu überlegen und aktiv daran zu arbeiten, ob die Situation veränderbar ist. Auch kleine Änderungen können eine grosse Wirkung für die Zufriedenheit haben und Kompromisse möglich machen.

Wie wichtig ist in dieser Situation ein Netzwerk?
Das Netzwerk ist generell hilfreich, nicht nur, wenn es darum geht, eine neue Stelle zu finden und die Kontakte zu nutzen. Wenn man arbeitslos wird, ist es wichtig, seine Familie, Freunde, Hobbys und Interessen zu haben.

Arbeit bedeutet auch Lebenssinn. Was raten Sie, wenn Stellenlose das Gefühl haben, ihren Lebensmittelpunkt verloren zu haben?
In treffenden Worten, die zu einem bekannten Zitat geworden sind, hat Papst Johannes Paul II. gesagt, der Mensch wird nicht erst durch die Arbeit zum Menschen. Das bedeutet, der Mensch ist mehr, als wie sich dies in Arbeit oder Arbeitslosigkeit definieren kann. Die Distanznahme zur Arbeit ist gerade in der Situation der Arbeitslosigkeit manchmal wichtig, um nicht in einen Teufelskreis von Gefühlen der Selbstentwertung hineinzugeraten, welche die Spirale von Enttäuschungen noch unerträglicher machen. Das Leben ist vor Enttäuschungen und Schicksalsschlägen nicht gefeit. Schuldgefühle sind in den allermeisten Fällen total unangebracht, da die Arbeitslosigkeit nicht Folge eines Verschuldens ist.

Nach zweihundert erfolglosen Bewerbungen fühlen sich viele entmutigt und wertlos.
Die innere Arbeit, sich das Selbstwertgefühl nicht aberkennen zu lassen, ist von grosser Wichtigkeit. Manchmal werden in unserer, von einem starken Arbeitsethos geprägten Gesellschaft, Menschen, die keine Arbeit finden, sehr stark abgewertet. Sie werden dadurch beschämt und mit Überzeugungen konfrontiert, selber daran schuld zu sein. Dem sollte man Gelassenheit und Selbstvertrauen entgegensetzen, unabhängig vom Erfolg der Bemühungen. Wichtig ist es auch, Unterstützung zu suchen und anzunehmen, wie es die RAV, die biz und andere anbieten. Manchmal braucht es lange, bis sich am Horizont etwas Neues abzeichnet.

Interview: Tilmann Zuber

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