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Frauen sind nicht am Wegbleiben der Männer schuld

01.01.2016
178 Theologinnen und Theologen wehren sich in einem offenen Brief gegen den Präsidenten des Kirchenbundes. Gottfried Locher erklärte, die Männer blieben einer «feminisierten» Kirche fern. Die Parteien vereinbarten daraufhin eine Zusammenarbeit, die sie im Februar vertiefen wollen.

Ist die reformierte Kirche eine «Frauenkirche»? Letzten November beklagte Gottfried Locher, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes SEK, in der «Weltwoche» die «Feminisierung» in den Kirchen. Die Männer kämen irgendwann nicht mehr in die Kirche, «weil Pfarrerinnen über andere Themen predigen». Dagegen protestierten in einem offenen Brief 178 Theologinnen und Theologen, darunter viele aus dem Baselbiet. «Die Pfarrerinnen für ein allfälliges Wegbleiben von Männern in den Kirchen verantwortlich zu machen, erachten wir als ungerechtfertigt und deutlich zu kurz gegriffen», schreiben die Pfarrerinnen und Pfarrer. Sie wehren sich dagegen, «Männer gegen Frauen auszuspielen, wie dies durch den Begriff der Feminisierung geschieht».

In guter Atmosphäre
Zu den Erstunterzeichnenden des offenen Briefes gehört Pfarrerin Doris Wagner, Präsidentin des Baselbieter Pfarrkonvents. Pfarrerin Judith Borter, Leiterin der Fachstelle Gender und Bildung der Kirche Baselland, hat ihn ebenfalls unterschrieben. Beide waren dabei, als sich kurz vor Weihnachten eine Delegation mit Gottfried Locher zu einer Aussprache traf. Bei dem zweistündigen Gespräch habe eine gute Atmosphäre geherrscht, finden die Pfarrerinnen. Dass Gottfried Locher der Delegation so kurzfristig einen Termin angeboten habe, zeige, dass er ihre Anliegen ernst nehme.
Doris Wagner bestreitet nicht, dass die Kirche an der Basis mehr Frauen als Männer zähle. Das sei schon immer so gewesen. Im Baselbiet jedoch sei der Männeranteil in den Kirchenpflegen «ordentlich». Schaue man die Zahlen an, so fehlten die Frauen jedoch im Pfarramt und in den Kirchenleitungen. Der Anteil von Frauen im Pfarramt beträgt gesamtschweizerisch 35 Prozent. Und in der Deutschschweiz gibt es zurzeit gerade einmal drei Kirchenratspräsidentinnen. Und dies nur in den kleinen Kantonen Obwalden, Solothurn und Uri.
Während des Gesprächs mit dem Kirchenbundspräsidenten einigten sich die Beteiligten auf neun grundsätzliche Themen, die sie weiterverfolgen wollen. Die vorgeschlagenen Massnahmen sollen für eine ausgeglichene Vertretung von Frauen und Männern in der Kirche sorgen.
Der offene Brief sei nicht allein als Reaktion auf die Aussagen Lochers zur «Feminisierung» der Kirche zustande gekommen, erklärt Doris Wagner. Bereits die eigenwillige Meinung des Kirchenbundspräsidenten zur Prostitution und die Zusammenstellung der Kommission «Institut für Theologie und Ethik» des SEK stiess bei den Unterzeichnenden auf Unverständnis. Von den 17 Mitgliedern sind nur 3 Frauen. Der SEK selber delegierte nur Männer in das Fachgremium. Es gebe zu wenige promovierte Frauen, um die Kommission ausgeglichen zu besetzen, lautete die Begründung des SEK.

Kirchenbund ohne Frauen
Das lässt Doris Wagner nicht gelten: «Es gibt so viele junge Frauen, die doktoriert haben. Die Frage ist, warum beim SEK keine arbeiten.» Eine der Forderungen aus dem Gespräch ist darum, dass noch freie Sitze in der Ethikkommission mit Frauen besetzt werden. Weiter vereinbarten die Parteien, dass der SEK Führungsschulungen für Frauen anbietet, die sich für ein kirchliches Leitungsamt interessieren. Zusätzlich habe der Kirchenbundspräsident vorgeschlagen, sich regelmässig mit den kantonalen Genderstellen auszutauschen. Davon verspricht sich Judith Borter wichtige Impulse für die kirchliche Genderarbeit.
Einige der mit Locher vereinbarten Massnahmen könnten ohne gros-sen Aufwand umgesetzt werden, glaubt Doris Wagner. Und manches Anliegen sei auch nicht neu: zum Beispiel auf eine gendergerechte Sprache zu achten. Sie hofft, dass das zweite Treffen zwischen der Delegation und dem Präsidenten des Kirchenbundes am 12. Februar zu konkreten Umsetzungen führt, damit die angedachten Massnahmen nicht zu blossen Lippenbekenntnissen verkommen.


Zum Bild: Junge Pfarrerinnen: In der Schweiz beträgt der Anteil von Frauen im Pfarramt 35 Prozent. | epd-Bild

Karin Müller

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